Nasrin Sotoudeh erklärt Gründe für ihren Hungerstreik

Nasrin Sotoudeh

Nasrin Sotoudeh

GVF, 11. Dezember 2012 – Die inhaftierte Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh hat sich nach dem Ende ihres 49tägigen Hungerstreiks mit einem Brief [für die Unterstützung durch die Öffentlichkeit] bedankt, dessen Übersetzung im Folgenden abgedruckt ist.

Meine Landsleute,
ist die Bestrafung von Angehörigen politischer Gefangener ein zufälliges Ereignis?

Ich war 49 Tage lang im Hungerstreik, um gegen mehrere Dinge zu protestieren – unter Anderem gegen die Bestrafung meiner Familie. Während dieser Zeit entwickelten sich viele Befürchtungen, die allesamt aus Güte und Liebe für eine gemeinsame Forderung erwuchsen: Ein großes „Nein“ zur Bestrafung der Familien.

Es ist meine Pflicht, all den Menschen, die diesem Anliegen mit Wohlwollen und Freundlichkeit Aufmerksamkeit zuteil werden ließen, meine Dankbarkeit und meinen Respekt auszudrücken.

[Meine Dankbarkeit] für Organisationen und Gruppen, angefangen bei den Trauernden Müttern, die in der Bewegung von 2009 ihre Kinder verloren haben (und von denen ich einige zu verteidigen die Ehre hatte) bis hin zu den Müttern für den Frieden und den Frauenrechtsaktivistinnen, von den politischen Gefangenen, mit denen ich die Ehre hatte, meine Haft zu teilen, bis hin zu meinen lieben Zellengenossinnen, die die mit meinem Hungerstreik einhergehenden schweren Zeiten ertragen haben, und natürlich die Dankbarkeit gegenüber meinem Mann und meiner kleinen Tochter, die sehr gelitten haben.

Ich danke den Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt und der iranischen Diaspora, die nach der Bewegung von 2009 gezeigt hat, wie wichtig ihre Präsenz für die Wiederherstellung von Menschenrechten und Demokratie in Iran ist.

Ich danke allen, die ihre individuellen Rechte und Freiheiten dazu genutzt haben, um an unserer Seite zu stehen und die Forderungen zu unterstützen, die nur oberflächlich betrachtet ausschließlich meine kleine Familie betreffen.

Ich danke den mutigen Menschen, die sich dazu entschlossen, an meinem Hungerstreik teilzunehmen und derentwegen ich das Gefühl kennenlernte, wie es ist, sich um Menschen im Hungerstreik Sorgen zu machen. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich verstanden habe, wie viel Sorgen sich andere um einen Menschen machen, der sich im Hungerstreik befindet. Ihre Aktion bedeutete für mich eine noch viel größere Verantwortung, denn sie wollten mich mit ihrem Hungerstreik unterstützen.

Ich danke den Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt, die mir bei meinem Widerstand Beistand leisteten. Immer wieder denke ich daran, was für wunderbare Menschen jenseits der Ozeane leben, die mein Anliegen unterstützen und mir und meiner Familie den Weg bereiten, um diese Bürde zu tragen.

Ich weiß, dass ihr euch wegen meines Hungerstreiks Sorgen gemacht habt, und ich möchte, dass alle wissen, dass auch ich mir um eure Sorgen und Nöte Gedanken gemacht habe.

Aber warum wollte ich meinen Hungerstreik nicht beenden?

Ich, meine Klienten und Dutzende politischer Gefangener, die nur wegen ihres hehren Engagements im Gefängnis sitzen, haben in der Haft eine schwere, aber auch wertvolle Zeit.

Ich bin jetzt stolz darauf, zusammen mit Bürgerrechtsaktivisten, politischen Aktivisten, Gewissensgefangenen, Baha’is und Christen im Gefängnis zu sein. Einige von ihnen, die unfair verurteilt wurden, weil sie nach ihrem Glauben leben, hatte ich die Ehre, als Anwältin zu verteidigen.

Nach all dem Unrecht hat sich das Regime dann sogar darauf verlegt, auch die Familien [dieser Gefangenen] zu bestrafen. Zuerst verfolgten sie meinen Mann, dann erhoben sie neue Anklagen gegen ihn.

Nachdem sie meine Familie und meine Kinder stundenlang festgehalten hatten – auch wenn es nur wenige Stunden waren – erhoben sie Anklage gegen meine 12jährige Tochter. In einem hastigen Urteil verhängten sie gegen sie ein Ausreiseverbot.

Meine Tochter hat wie jedes andere Kind dieses Alters und nicht mehr als andere Kinder das Recht auf ein Leben ohne Angst vor Drohungen und Strafen.

Schon früher hatte ich die Ehre, die Kinder meines Landes zu verteidigen. Es ist absolut verboten, Kinder zu bestrafen, erst recht, wenn es um politische Fälle gegen ihre Eltern geht.

Doch natürlich ist diese Art der Bestrafung nicht auf meine eigene Familie begrenzt. Um das Ausmaß dieses Unrechts zu verstehen, muss man sich nur vergegenwärtigen, dass 13 der im Trakt für politische Gefangene untergebrachten 36 weiblichen politischen Gefangenen direkte Angehörige haben, die entweder inhaftiert sind oder von der Justiz belangt werden. Das ist ein Drittel der weiblichen politischen Gefangenen. Einige dieser Gefangenen haben mehr als ein von Haft oder juristischer Verfolgung betroffenes Familienmitglied.

Ich trat in den Hungerstreik, um gegen die Bestrafung der Familien zu protestieren. Die Bestrafung meiner eigenen Familie war nur ein Beispiel für dieses Vorgehen.

Es ist meine Hoffnung, dass die Bestrafung von Angehörigen von der Liste der Droh- und Druckmaßnahmen gestrichen wird.

Ich möchte nochmals allen aufrichtig danken, die mich in diesem meinem Anliegen so beständig unterstützt haben. Ich vertraue darauf, dass dieser Weg unausweichlich zu Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie führen wird.

In der Hoffnung auf Unabhängigkeit und Freiheit
Nasrin Sotoudeh
Evin
Im Dezember 2012

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo
Persisch: Green Voice of Freedom

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