Evin, eine Schule der Demokratie – Faezeh Hashemis Brief aus dem Gefängnis

Faezeh Hashemi

Kalemeh, 14. Dezember 2012 – Faezeh Hashemi, Tochter des iranischen Ex-Präsidenten Hashemi Rafsanjani, hat in einem Brief aus dem Evin-Gefängnis die Atmosphäre im Frauentrakt von Evin beschrieben. Er sei eine „Schule der Liebe“ und eine „Universität für Studium und Praxis der Demokratie“.

Faezeh Hashemi war am 22. September dieses Jahres bei einer Razzia in ihrer Wohnung festgenommen und nach Evin gebracht worden.

Sie ist wegen Beleidigung der Islamischen Republik zu sechs Monaten Haft und einem fünfjährigen Verbot der Mitgliedschaft in politischen Parteien sowie jeder Art von journalistischer Aktivität verurteilt. Der Brief:

Hier ist das Gefängnis, mit all seinem Druck, seinen Restriktionen, seinen Nöten und Schwierigkeiten. Mütter, getrennt von ihren Kindern, auseinandergerissene Ehepaare und Geschwister, zersprengte Familien.

Junge Bräute, die ins Gefängnis kamen, bevor sie den Geschmack des Ehelebens kennenlernten. Kinder, denen bei oder kurz nach ihrer Geburt die Möglichkeit genommen wurde, ihre Mutter, ihren Vater oder gar beide Eltern um sich zu haben. Junge Mädchen, die von ihrem Platz im Hörsaal der Universität weggeholt wurden.

Ältere Mütter, die nur hier sind, weil ihre Kinder bestimmte politische Ideen haben, oder weil sie sie besucht haben (eine Anspielung auf Eltern, die ihre Kinder im Camp der MKO im Irak besuchten). Frauen, die den Tod ihrer Lieben mit unterdrückten Tränen ertragen und sie in ihren letzten Lebensminuten nicht sehen durften.

Und dann ist da noch die Praxis, die Familien für ihre Gefangenen und die Gefangenen für ihre Familien zu bestrafen.

Wichtige Telefonate werden nicht erlaubt. Die Regeln werden strenger gemacht, der Druck wird erhöht, die Haftbedingungen werden strenger, damit das Gefängnis noch schwerer erträglich wird – mit diversen Vorwänden, seltsamen und irrationalen Entscheidungen von Beamten, nur um noch mehr Kontrolle und Spannung zu erzeugen.

Doch trotz aller Einschränkungen ertragen die weiblichen politischen Gefangenen in Evin diese Entbehrungen geduldig für ihre Überzeugungen und bemühen sich, diese Widrigkeiten als Chancen zu nutzen. Und indem sie in diesem kleinen Umfeld Demokratie praktizieren, lassen sie das Versprechen der Freiheit leben.

Hier regiert die Freiheit: Dinge, die in der momentanen Situation außerhalb des Gefängnisses unmöglich sind, sind hier Teil der Normalität und des Alltags.

Es gibt Treffen zu aktuellen Geschehnissen, bei denen es um alle möglichen Fragen geht. Es werden Pläne für die Zukunft gemacht. Es wird über Regelungen für den Trakt gesprochen, es wird überlegt, wie man mit dem im Gefängnis herrschenden Druck und den Einschränkungen fertig wird. Es werden Protesterklärungen verfasst, kollektive Protestaktionen durchgeführt, Hymnen gesungen und Protestparolen gerufen.

Hier regiert die Demokratie:  Alle Entscheidungen werden kollektiv gefällt. Jede einzelne Person hat eine Stimme. Alle beteiligen sich gleichberechtigt und mit großem Ansporn an Entscheidungsprozessen. Es gibt keine Führer und keine Aufpasser, jeder steht es frei, ihre Meinung zu äußern.

Hier regiert die Diskussion:  Politische Dialoge zu verschiedenen Religionen. Alle Religionen, politischen Ideologien und Gedanken sind vertreten. Islam, Christentum, Baha’i, die säkulare Bewegung, die Mojahedin (MKO), Linke… jede respektiert hier die Meinung der anderen. Alle fühlen sich ihren Überzeugungen verpflichtet, aber sie geben den anderen die Möglichkeit, sich zu äußern und den Dialog weiterzutragen.

Hier ist eine Universität:  Eine Universität, die sich außerhalb des Gefängnisses zu keiner Zeit und an keinem Ort formieren würde. Hier sieht, hört und lernt man Dinge, die man in keinem Klassenzimmer, bei keiner Sitzung, Versammlung oder Konferenz sehen, fühlen oder verstehen könnte.

Man sammelt Erfahrungen ähnlich denen, von denen freigelassene Gefangene sprechen, von denen in Geschichtsbüchern und Memoiren andere die Rede ist und die das eigene Wesen mehr und mehr erfassen.

Hier ist der Ort, um an sich zu arbeiten: Von früh morgens bis spät abends ist der Tag so ausgefüllt, dass die Zeit manchmal nicht ausreicht, um alles zu schaffen.

Es wird gelesen – allein oder gemeinsam. Es gibt Fremdsprachenkurse, Übersetzungskurse, Schreibkurse, es werden Gedichte verfasst und rezitiert, es gib kulturelle und sportliche Betätigung, es wird Kunsthandwerk angefertigt, das an die Not im Gefängnis erinnert und gleichzeitig mit wunderbaren Erinnerungen angefüllt ist.

Wir alle lernen voneinander. Jede teilt ihr Wissen mit den anderen. Gefühle von Leere und Vergeblichkeit hören hier auf zu existieren.

Hier ist eine Schule der Liebe:  Hier entstehen tiefe Freundschaften, ein Gefühl der Teilhabe, ein Sinn dafür, anderen zu helfen, zu geben und zu opfern, es entstehen Mitgefühl und Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Transparenz, Sensibilität und Warmherzigkeit, Selbstlosigkeit, Liebe und Mitgefühl.

Was immer man besitzt, bietet man freudig und von Herzen den anderen an. Wir sind alle vereint. Wenn jemand freigelassen wird oder Hafturlaub bekommt, bedeutet es für die anderen Trauer über die Trennung von einer Freundin und Landsmännin.

Freude und Leid einer einzelnen ist Freude und Leid aller. Je mehr Druck, Restriktionen und Leid sie uns auferlegen, desto stärker werden Solidarität, Liebe und Mitgefühl.

Hier herrscht ein Reichtum an wertvollen Menschen: Die Anwesenheit gebildeter, belesener und informierter Denkerinnen mit einem Ziel und einer Plattform, mit Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Mut, einfallsreich, initiativ und kreativ, ist für die Gefangenen ein Gottesgeschenk und für die Führung und die Entwicklung unseres Landes eine verpasste Gelegenheit, denn es hat sich dieser Fähigkeiten und Talente beraubt.

Wenn man noch nie im Gefängnis war, hat man Angst vor diesem Ort. Wird man dort seine Zeit verschwenden? Aus diesem Grund beschließt man dann vielleicht, sich so zu verhalten, dass man nicht im Gefängnis endet.

Doch wenn man hier ist, verändert man sich, trotz aller Not, die in diesem Käfig herrscht. Nicht nur, dass man das Leid im Gefängnis leicht erträgt – wenn man wieder frei ist, verfolgt man seinen eingeschlagenen Weg mit noch mehr Entschlossenheit und Hartnäckigkeit.

Denn man hat keine Angst mehr vor dem Gefängnis. Manchmal hat man sogar Sehnsucht nach den Erinnerungen und Freundinnen.

Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn alle, die für eine Ideologie oder ein Ziel kämpfen, für einige Zeit ins Gefängnis gehen, selbst wenn es nur eine kurze Zeit ist. Hierher zu kommen lässt sich natürlich planen, aber wieder herauszukommen ist eine andere Sache.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo
Persisch: Kalemeh

Lesen Sie dazu auch: Antwort des inhaftierten Journalisten Siamak Ghaderi

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2 Antworten zu “Evin, eine Schule der Demokratie – Faezeh Hashemis Brief aus dem Gefängnis

  1. Pingback: Antwort des inhaftierten Journalisten Siamak Ghaderi auf Faezeh Hashemis Gefängnis-Bericht | Julias Blog

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