Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 21. Februar 2013

olympics-asArseh Sevom, 21. Februar 2013 – Themen dieser Ausgabe: Geheimdienstministerium nimmt BBC aufs Korn | Iran erhebt Anspruch auf den Südpol | Jafar Panahi bei der Berlinale ausgezeichnet | TedX in Teheran | Olympiade ohne Ringer?Geheimdienstministerium nimmt BBC aufs Korn
Das iranische Geheimdienstministerium hat am Dienstag, dem 19. Februar seine dritte Bekanntmachung zu den verhafteten Journalist/innen herausgegeben. Es erklärt darin, dass die Journalisten für westliche Nachrichtenagenturen – insbesondere die BBC – gearbeitet hätten. In der Lesart des Ministeriums handelt es sich bei der BBC allerdings nicht um eine reine Nachrichtenagentur, sondern um eine „psychologische Operationseinheit der Spionageorganisation der britischen Regierung“. Mehrere der verhafteten Journalisten seien mittlerweile wieder freigelassen worden, vier weitere seien außer Landes geflohen, so die Erklärung weiter.

Bestandteil der Erklärung ist außerdem eine Liste [iranischer] Nachrichtenagenturen mit Verbindungen zur BBC, darunter Jaras, Kalemeh, Rooz Online, Neday-e sabz-e azadi, Saham News, Khodnevis, Ghozar, Melli Mashabi, Radio Free Europe/Radio Liberty, Deutsche Welle, R.F.I, VOA und sogar „Man-o-to TV“. Alle werden mit dem „Aufstand nach der Präsidentschaftswahl von 2009“ in Verbindung gebracht. Die Liste ist lang, und es ist gut möglich, dass sie von den „anonymen Soldaten des Imam Zaman“ in Zukunft noch erweitert wird.

Iran erhebt Anspruch auf den Südpol
Nach Berichten von Radio Farda erklärte Mohammad Bagheri, hochrangiger Offizeller der iranischen Streitkräfte, am Montag, dem 18. Februar, Iran könne die Hoheit über Teile des Südpols legal einfordern. Hintergrund der Aussage: Iran hat unmittelbaren Zugang zur Hochsee, und auf dem Weg zwischen Iran und dem Südpol gibt es kein Land. Nach internationalen Bestimmungen kann Iran legal die Hoheit über einige Teile des Südpols einfordern. Auch wenn die Frage von Experten abschließend geklärt werden muss, nehmen wir einmal an, dass die Aussage zutrifft. Womöglich wird die iranische Bevölkerung in Zukunft ihren Urlaub am Südpol verbringen?

Wenige Monate zuvor hatte der iranische Marinekommandant Admiral Habibollah Sayyari erklärt: „Wir haben die Fähigkeit, die iranische Flagge in vielen Gebieten vom Nord- bis zu Südpol zu hissen, und wir arbeiten Pläne für eine Präsenz in der Nähe des Südpols aus.“ Da Iran sich in der Vergangenheit bei vielen Gelegenheiten äußerst starrköpfig gezeigt hat, sollten wir das Projekt Südpol vielleicht ernster nehmen.

Jafar Panahi bei der Berlinale ausgezeichnet
Jafar PanahiDer iranische Filmregisseur Jafar Panahi ist bei der diesjährigen Berlinale am Samstag zusammen mit Co-Regisseur Kamboziya Partovi für das beste Drehbuch für seinen Film „Closed Curtains“  ausgezeichnet worden.  Der heimlich gedrehte Film zeigt Aspekte von Panahis Leben unter Hausarrest. Er verfolgt die Geschichte eines Mannes und einer Frau auf der Flucht vor der Polizei. Kritiker sind der Meinung, dass der Film Panahis Depressionen und sogar Selbstmordgedanken enthülle. Panahi selbst hatte einmal gesagt, dass er mit der Arbeit an dem Film begonnen habe, als er sich in einem Zustand tiefer Melancholie befand. Wähend der Dreharbeiten habe er sich wieder erholt.

Panahi wurde nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl von 2009 im Jahr 2010 mit einem 20jährigen Berufsverbot belegt und wegen „staatsfeindlicher Propaganda“ zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nun hat er nicht nur einen Film gedreht, sondern ist erneut bei einem internationalen Filmfestival mit einem Preis geehrt worden – sehr zum Unmut der iranischen Behörden. Die iranische Nachrichtenagentur ISNA schreibt über die Reaktionen des Vorsitzenden der Iranischen Kino-Organisationen, Javad Shamaghdari:

„Wir haben bei der Festivalleitung Protest bekundet. Die Offiziellen der Berlinale sollten ihr Verhalten korrigieren, denn es ist im kulturellen und cineastischen Austausch nicht korrekt.“

Vielleicht sind sie ja zu Recht verärgert. Die internationale Gemeinschaft hat es für angebracht erachtet, vergangene Woche den [inhaftierten] studentischen Aktivisten Majid Tavakoli zu ehren. Offenbar wartet auf jeden Gewissensgefangenen in Iran eine internationale Ehrung!

TedX in Tehran
Trotz aller Widrigkeiten hat Iran seine erste TedX-Konferenz in Teheran veranstaltet. Die Washington Post hat darüber gebloggt.

Khamenei reagiert auf Auseinandersetzung zwischen Ahmadinejad und Larijani
Der oberste iranische Führer Ayatollah Khamenei hat auf die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Präsident Mahmoud Ahmadinejad und den mächtigen Brüdern Larijani reagiert. Ahmadinejad hatte Parlamentspräsident Ali Larijani und Justizchef Ayatollah Sadegh Larijani der Korruption bezichtigt.  Fars News zufolge kritisierte Khamenei in Tabriz vor einer Menge versammelter Zuhörer den Präsidenten und die Brüder scharf. Er verurteilte Ahmadinejads Verhalten als „gegen die Sharia gerichtet“ und das vom Parlament initiierte Amtsenthebungsverfahren gegen den Arbeitsminister als „eine schlechte Entscheidung“.

Zwar hatten die Brüder Larijani und Ahmadinejad in separaten Schreiben an Khamenei diesen ihres „Gehorsams“ versichert, aber Ahmadinejad hatte dies natürlich auf seine Weise getan. Während Ali und Sadegh Larijani ihre Briefe sofort nach Khameneis Rede auf den Weg brachten, brauchte Ahmadinejad einen Tag länger dafür. Die Verzögerung kann bedeutungslos sein, sie könnte aber auch auf Differenzen zwischen den Lagern Khameneis und Ahmadinejads hinweisen. Vor dem Hintergrund der monatelangen Unruhen und Demonstrationen, die auf die Wiederwahl Ahmadinejads im Jahr 2009 folgten, und in Anbetracht der Entschlossenheit, mit der Khamenei Ahmadinejad im Amt hielt, ist es sehr wohl möglich, dass Khamenei sich mittlerweile fragt, ob es das alles Wert war.

Olympiade ohne Ringer?
Schockiert reagierten iranische Wrestling-Fans auf die Nachricht, dass auf Beschluss des Internationalen Olympischen Komitees bei den Spielen 2020 nicht mehr gerungen werden wird. In Iran gibt es mehr als 300 000 Ringer, und das Land hat immer viele Medaillen gewonnen. Ringen ist eine der ältesten olympischen Sportarten, und es fällt schwer, einen Grund für die Entscheidung zu erkennen. Das Ringen, das Freistil-Elemente und griechisch-römische Elemente verbindet, geht bis auf die ersten modernen olympischen Spiele in Athen im Jahr 1896 zurück. Nicht nur Iran ist schockiert – auch viele andere Länder reagierten ähnlich auf die Nachricht: Siehe hier, hier und hier.

wrestling-us-iran

photo tweeted by US wrestler Jason Buroughs

The NewYork Times gibt einen wunderbaren Überblick über die iranische Kultur des Ringens. Die Bedeutung des Ringers wird so erklärt: „Beim Ringen, sagt (Trainer) Herr Dodangeh,  geht es darum, ein pahlavan zu werden – ein respektierter, gütiger Mann, dem die Unterdrückten am Herzen liegen und der für Gerechtigkeit einsteht. Ein guter Ringer ist ein guter, religiöser Mensch.“

Es scheint, als musste diese Sportart erst aus den olympischen Spielen ausgeschlossen werden, um Iran und Amerika auf eine Seite zu bringen!

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: Arseh Sevom

2 Antworten zu “Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 21. Februar 2013

  1. Guten Abend,
    die Sache mit dem Südpol halte ich für einen Werbegag. Ich würde mir tatsächlich aber eine Forschungsstation der Iraner am Südpol wünschen, allein um zu unterstreichen das der Iran auch an friedlicher Wissenschaft interessiert ist.
    Das gerade das Ringen als olympische Disziplin verboten wird geht mir auch nicht in den Kopf. Was steckt dahinter und warum darf die „Rhythmische Sportgymnastik“ dabei bleiben?

    Sabbelcafe

  2. Pingback: Kurzmeldungen aus der iranischen Zivilgesellschaft – 21. Februar 2013 | free Saeed Malekpour

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