Archiv der Kategorie: 13. Aban/4. November

Übelkeit – Persian Umpire über seinen persönlichen 13. Aban

Veröffentlicht am 6. November
Autor: P. Umpire
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2009/11/06/nausea/
Deutsche Übersetzung: Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post und zum Original angeben

Wegen der nach Demonstrationen üblichen Staus im Internet ein verspäteter Post

Mittwoch, 13. Aban (4. November)

Ein merkwürdiges Gefühl hat heute von mir Besitz ergriffen. Nur einen Meter von mir entfernt wurde ein Mann Ende Fünfzig von mehreren Menschen geschlagen, und ich habe es genossen. Obwohl ich weder den Drang zum Mitmachen verspürte, noch Zeit hatte darüber nachzudenken, verursachte das Vergnügen, das ich beim Anblick des angsterfüllten Gesichts dieses Mannes verspürte, bei mir den Wunsch, seine Angreifer anzufeuern. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. In der Schlägerei, als er sie anflehte aufzuhören und immer wieder schrie „warum schlagt ihr mich?“, dachte ich nur: „du machst wohl Witze“. Der Mann war ein Basij.

Ich habe nie zuvor erlebt, dass vor meinen Augen an einem einzigen Tag so viel Gewalt angewendet wurde. Wenn es einen Tag gibt, der mit dem 13. Aban vergleichbar ist, so ist es wohl der 30. Khordad (20. Juni), der Tag, nach dem Khamenei seinen Gangstern grünes Licht für gnadenloses Vorgehen gegen die Iraner gegeben hatte. Der 13. Aban war schlimmer, vielleicht, weil ich länger dabei blieb, oder vielleicht, weil es wirklich schlimmer war. Ich habe auch noch nie zuvor so viele Sicherheitskräfte an einem Ort gesehen. Ich war heute am Haft-e Tir-Platz, in der Karim Khan Avenue, auf dem Vali-Asr-Platz und Umgebung. Tausende von Grünen waren dort, zumeist ohne grüne Symbole, und sie wurden von tausenden Affen empfangen, die sich, wenn man sie mit dem Etikett Homo versehen würde, höchstens bis zum Erectus qualifizieren würden.

Die Affenmacht hatte nur eins im Sinn: Jede Menschenansammlung zu verhindern. Ihre Strategie: wahllose Gewalt. Gegen 10:30 Uhr kamen wir auf dem Weg zum Vali-Asr-Platz an der Metrostation Beheshti vorbei. Eine Gruppe von Spezialeinheiten der Revolutionsgarden, in Tarnanzügen und Schlagstöcke schwingend, stürmten plötzlich das Tor der Station, so dass die Leute, die gerade herauskamen, ängstlich wieder ins Innere flohen. Sieben oder acht Sicherheitsleute rannten hinein, die anderen verschlossen die Tore hinter ihnen und versperrten sie. Danach hörte man nur noch Schreie und dumpfe Schläge.

Wir haben bei den Demonstrationen etwas gelernt. Wenn die Affen angreifen, sollte man auf keinen Fall rennen, sondern auf dem Gehweg nah an den Schaufenstern bleiben und weiter gehen, oder einfach an einer Wand stehen bleiben. Normalerweise laufen sie dann an dir vorbei, hinter denen her, die rennen. Heute jedoch fuhren die Affen mit Motorrädern auf den Gehwegen, hielten ihre Schlagstöcke an die Wände und gaben Gas. Wenn sie keine Motorräder hatten, liefen sie einfach durch und schwangen ihre Knüppel, Stöcke oder Ketten. Es spielte keine Rolle, wen oder was sie damit trafen.

Ich werde hier nicht minutiös über den Tag berichten. Es war überwiegend eine pausenlose Abfolge heftiger Schläge, Blutergüsse und Blut, von der ich schnappschussartige Eindrücke behalten habe. Ich erinnere mich auch, einige Male Schüsse gehört zu haben. Auch mit Verhaftungen schien man wahllos zu sein. Wir sahen Basijis, die sich willkürlich junge Leute herausgriffen, sie auf die Knie zwangen, ihnen Handschellen und Augenbinden anlegten und sie dann fortbrachten.

Auf der Vali-Asr-Straße nördlich des Platzes beschimpfte ein Polizist laut einen alten Mann, weil er sich bei der Demonstration gezeigt hatte. Ein junger Mann ging zu dem Polizisten und gab ihm eine Blume, woraufhin der Polizist ihn schlug und auf den Gehweg warf. Der Junge rappelte sich auf und ging.

In den Schlägereien sahen wir auch Sicherheitskräfte und Basijis, die geschlagen oder von Steinen getroffen wurden. In der Karim-Khan-Straße nahe dem Vali-Asr-Platz jagte ein achtzehn- oder neunzehnjähriger Basij auf der Straße neben dem Gehweg einem Mann hinterher, wobei er einen Gummigurt schwang. Der Mann war kräftig, und der Basij war klein, pausbäckig, mit nur einem Anflug eines sprießenden Bartes. Zum ersten Mal konnte ich sehen, wie eine Technik angewandt wurde, über die ich schon gelesen hatte, die aber schwer umzusetzen ist. Mitten im Lauf stoppte der Mann unvermittelt auf der Stelle, drehte sich um, griff sich den verdutzten Basij und warf ihn gegen ein Auto. Der Basij brauchte ein paar Sekunden, um wieder aufzustehen. Als er sah, dass einige Leute sich auf ihn stürzen wollten, rannte er weg, aber sie erwischten ihn und begannen, ihn zu verprügeln. In diesem Augenblick tauchte ein Basij, etwa Mitte Fünfzig, mit kurzen weißen Haaren – der, den ich eingangs erwähnte – hinter einem Bus auf und lief in Richtung des Handgemenges, ebenfalls mit einem Gummigurt in der Hand, und versuchte, die Leute zu vertreiben und den anderen Basij zu befreien. Weitere Menschen tauchten auf und griffen ihn an. Er fiel einen Meter vor mir zu Boden und bekam Tritte und Faustschläge verpasst. In diesem Moment stieß eine Gruppe Basijis dazu, sie umringten die anderen beiden Affen und schleiften sie fort.

Später, am Haft-e Tir-Platz, sahen wir einen Basij – wieder einen älteren Mann – der seinen Kopf hielt und stark blutete. Ein anderer stützte ihn und half ihm über den Platz bis zu ihrem Lager.

Die Demonstration erreichte zu keinem Zeipunkt das Ausmaß und die Konzentration vom Quds-Tag. Es war gar nicht möglich. Alle flohen vor den Sicherheitskräften, gruppierten sich in den Seitenstraßen neu, oder erholten sich vom Tränengas und den Schlägen. Die größte Gruppe, die ich sah, marschierte auf der Karim-Khan-Straße und skandierte Parolen gegen die Regierung. Es waren höchstens 2oo oder 300 Leute. Von Zeit zu Zeit tauchten regierungstreue Demonstranten mit Lautsprechern und Parolen auf. Die größte dieser Gruppen bestand aus einigen hundert Leuten. Ich erinnere mich noch an eine ihrer neuen Parolen „Tod dem samtenen Dikator“. Was auch immer das bedeutet.

Bevor ich gehe und zusammenbreche – ich bin nämlich völlig erschlagen, schmutzig und müde – möchte ich den 13. Aban mit Rafsanjanis Super-Duper-Plan verknüpfen. Seit seiner Entstehung und der vermeintlichen Entspannung zwischen Rafsanjani und Khamenei ist dieser Plan von vielen im Iran als trügerische Hoffnung und als Trick des Obersten Führers angesehen worden, mit dem er Zeit schinden und möglichst viel Ablenkung erreichen wollte. Der 13. Aban war ein weiteres gebrochenes Versprechen, eine weitere Kehrtwende, ein weiterer verlöschender Hoffnungsschimmer. Wir stehen einem Regime gegenüber, in dem es für Reformen in der Praxis keinen Ansprechpartner gibt. Weder die Führungsfiguren der grünen Bewegung, noch Rafsanjani, noch die Marjas (hohen Geistlichen, d. Übers.) haben es geschafft, dem Obersten Führer Zugeständnisse von irgendeiner Bedeutung abzuringen. Immer wieder höre ich: „Was werden sie jetzt sagen? Schon wieder dasselbe?“ Der 13. Aban hat uns von den letzten Zweifeln befreit, dass es Khameneis Wille ist, die Opposition vollständig niederzuringen. Viele im Iran sehen in ihm einen Mann, der nicht verhandelt, und als den Täter, dem wir alles, was seit den Wahlen passiert ist, zu verdanken haben.

Die Luft in Teheran heute Nacht ist erfüllt von einem Summen. Es sind wütende Gespräche darüber, Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Die Menschen verlieren die Geduld, und ich höre, wie man in die Sprache der Gegner verfällt. Ob das für uns ein gangbarer Weg ist oder nicht, wird die Zukunft zeigen, aber wir haben 1979 vor Augen. Wenn man uns die Hoffnung nimmt, wird es nicht lange dauern, bis Reformen einer gründlichen Instandsetzung weichen. Im Moment fragen sich viele, ob die Reformen in einer Sackgasse angekommen sind. Das Wort „Versöhnung“ klingt mittlerweile seltsam. Vielleicht ist es lediglich eine Reaktion auf einen Tag voller Brutalität in den Straßen, oder eine existenzielle Phase, die nach sechs Monaten des sich-im-Kreis-Drehens unvermeidbar ist. Eines jedoch ist klar. Ganz am Anfang forderte die Bewegung die Rückgabe ihrer Stimmen. Heute treten sie für eine „Iranische Republik“ den Führer mit Füßen. Vielleicht schafft er es, die Opposition zu vernichten, aber möge jemand seine Seele retten, wenn ihm das nicht gelingt.

Freitagsgebet 15.10.2009: Ayatollah Janati fordert hartes Vorgehen am 4. November

Veröffentlicht am 16. Oktober 2009 auf Payvand Iran News
(Quelle: Radio Zamaaneh)
Quelle (Englisch): http://www.payvand.com/news/09/oct/1162.html
Deutsche Übersetzung: Julia
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Ayatollah Janati, der heute das Freitagsgebet in Teheran hielt, rief zu unerbittlicher Konfrontation der Protestteilnehmer am 4. November/13. Aban) auf.

Der 4. November 1979, der Tag, an dem iranische Studenten die Amerikanische Botschaft in Teheran besetzten, wird im Iran jedes Jahr als Wendepunkt in der Geschichte der Islamischen Republik gefeiert. in diesem Jahr haben Gegner der Präsidentschaftswahl im Juni angekündigt, dass sie sich an diesem Tag den Märschen anschließen werden, um nochmals ihren Protest gegen die Regierung zu äußern.

IRNA zitierte den konservativen Geistlichen Ayatollah Janati mit den Worten: „Der 4. November muss als Tag des Kampfes gegen die weltweite Unterdrückung geehrt werden. Jeder muss an diesem Tag teilnehmen und ihn ehren. Doch einige, die zu Bauernopfern anderer geworden sind, wollen ihre amerikanische und israelische Natur zeigen.“

Der oberste Geistliche des Wächterrats fügte hinzu: „Seit langer Zeit werden diese Aufständischen von einem nicht identifizierten Zentrum aus geführt worden, und sie haben gewisse Pläne für die Zukunft. Diese Leute sind Bauernopfer, ob es ihnen bewusst ist oder nicht.“

Er führte an, dass die Justiz und die Sicherheitskräfte „den Islam, das Volk, die Revolution und die Märtyrer verraten, wenn sie den Aufständischen mit Schwäche begegnen“.

Zur Vorgehensweise der Regierung gegen Demonstranten erklärte Ayatollah Janati: „Wer schenkt seinem eigenen Mörder Blumen? Warum also sollte die Islamische Republik denen Blumen schenken, die sie zerstören, wo sie doch noch immer mit ihren kriminellen Aktionen weitermachen?“

Plakat der Grünen Bewegung mit Einladung
zur Demonstration am 13. Aban

Ayatollah Janatis Äußerungen fallen zusammen mit Ban Ki Moons besorgtem Bericht an die UN-Generalversammlung über die Unterdrückung von Dissidenten in Iran.
Janati beschreibt die Proteste nach der Wahl als tief verwurzeltes Problem für die Islamische Republik, das nicht einfach von der Hand zu weisen sei.

Er erklärte, dass die aufrührerischen Pläne für den 4. November ebenso entschärft werden würden, wie die für den Quds-Tag und die Eröffnung der Universitäten neutralisiert wurden.

Am diesjährigen Quds-Tag am 18. September hatten Oppositionsführer und ihre Anhänger Demonstrationen veranstaltet, die mit dem offiziellen Quds-Marsch gegen Israel konkurrierten. Die Demonstranten hatten Parolen gegen Mahmoud Ahmadinejads Regierung gerufen, die ihrer Meinung nach in den diesjährigen Präsidentschaftswahlen vom Juni durch Wahlbetrug an die Macht kam.

Auch an den Universitäten haben sich seit Beginn des Herbstsemesters unzählige Studentenproteste abgespielt.

4. November: Opposition lässt die Muskeln spielen

Veröffentlicht auf mowjcamp.com am 13. Oktober 2009
Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/47100
Übersetzung: Julia
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Nach der erfolgreichen Übernahme des Quds-Tages („Jerusalem-Tag“), der seit vielen Jahren von einer bestimmten radikalen Gruppierung innerhalb des Staates als Plattform genutzt wird, um das Thema Palästina vor ihren eigenen Karren zu spannen, sieht die iranische Opposition nun begierig dem 4. November entgegen – einem weiteren Tag, um der Putschregierung in Erinnerung zu rufen, dass das Thema der Wahlen noch lange nicht vom Tisch ist.

Auch vier Monate nach dem Staatsstreich vom 12. Juni haben die Iraner den Tag nicht vergessen, an dem ihre Stimmen ihnen so unverfroren vor ihren eigenen Augen gestohlen wurden. Vier Monate später ist die Grüne Bewegung noch immer entschlossen, ihre Opposition zur gegenwärtigen Regierung zu zeigen, die keinerlei Legitimität besitzt.

Seit den ersten Tagen der Revolution wird der 4. November im Iran mit von der Regierung organisierten Demonstrationen im Gedenken an die Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch eine Gruppe von iranischen Studenten begangen (vom 4. November 1979 bis zum 20. Januar 1981, d. Übers.). In diesem Jahr jedoch ist es die Grüne Bewegung, die den Ton dieser Demonstration angeben wird, wie sie es schon am Quds-Tag tat: Eine Bewegung, die nicht in der Regierung vertreten, aber fähig ist, das Schicksal des Landes zu gestalten.

Jede dieser von der Regierung in Auftrag gegebenen Anlässe ist eine Chance für uns, um den Geist des Widerstandes gegen eine Regierung wiederzubeleben, die ihr eigenes Volk so offen und schamlos belügen kann, ohne irgendetwas von irgendjemandem zu befürchten, während ihre Schläger diejenigen töten, einsperren und foltern, die es wagen, sich gegen ihre drakonischen Vorgehensweisen zu erheben. Jeder Anlass ist eine Gelegenheit für die Iraner, auf die Straßen zu gehen und das zurückzuverlangen, was rechtmäßig ihnen gehört. Der 4. November ist ein solcher Anlass.

Die Regierung Ahmadinejad hat wieder und wieder unter Beweis gestellt, dass sie vor nichts Halt machen, sogar den Forderungen des Auslands nachgeben wird, um die Illegitimität im Inneren zu kompensieren, wenn es darum geht, an der Macht zu bleiben. Sie greift weiterhing auf Maßnahmen zurück, die nur totalitäre Regimes nutzen in der Hoffnung, ihren Griff um die Macht zu festigen.

Der 4. November ist für die Grüne Bewegung eine Gelegenheit, die Obrigkeit aufzufordern, zur Besinnung zu kommen und jene zu befreien, die die Islamische Revolution verwirklicht haben und nun in Irans berüchtigten Gefängnissen ihr Dasein fristen.

Unsere Bewegung wird aber nicht von einem einzelnen Führer, einer Gruppe oder einem Kern angeführt. Ihr Erfolg ist eng verflochten mit dem Willen und der Entschlossenheit der Menschen, die ihre Grünen Symbole mit Solz tragen und für eine Veränderung in ihrem Heimatland auf die Straße gehen. Die wahre Kraft unserer Bewegung liegt in den Bindungen und sozialen Netzwerken, die wir vor dem 12. Juni so sorgsam geknüpft haben. Der 4. November ist eine weitere Gelegenheit für uns, um diese Bindungen zu verbessern und zu erweitern und unsere Grüne Bewegung noch mehr als zuvor zu stärken, wie es Mir Hossein Mousavi so hervorragend ausdrückte.

Die Ereignisse der letzten Monate haben gezeigt, dass wir als Individuen, und niemand sonst, die wahre Quelle der Kraft der Grünen Bewegung sind.

In diesem Sinne ruft Mowjcamp alle Grünen Aktivisten auf, Ideen, Gedichte, Artikel, Weblogs, Bilder, Plakate, Audio- und Videomaterial beizusteuern, um den 4. November zu einer Demonstration der Kraft der Grünen Bewegung zu machen.

Schreibt uns E-Mails mit euren tollen Ideen, die für die Grüne Bewegung von Anfang an immer eine treibende Kraft waren, und denkt daran, dass der gemeinsame Erfolg unserer Bewegung vor allem von unserer individuellen Überzeugung für unsere gute Sache beeinflusst wird.

Einladung zur Demonstration am 13. Aban/3. November

Macht mit, meine Lieben. Am 13. Aban/3. November werden wir die Anti-Riot-Police und die Sicherheitskräfte mit Blumen begrüßen. Wir werden still auf den Straßen sitzen und mit unserer Einheit die Nacht zum Tag und den Tag zu Nacht machen.

Dies ist eine Einladung der Studentischen Gesellschaft, Büro zur Konsolidierung der Einheit (Daftar-e Tahkim-e Vahdat), Universität Teheran und der Grünen Bewegung der Menschen und Studenten.