Archiv der Kategorie: Pedestrian

Zweifel an Moussavis Statement zum 25. Bahman

(Foto entnommen bei Pedestrian)

Ehsan Soltanis Blog/Pedestrians Blog, 16. Februar 2011 – Drei von Moussavis engsten Anhängern haben Zweifel an seinem gestern veröffentlichten Statement geäußert. Es heißt, das Statement sei in Reaktion auf die brutalen Anschuldigungen des Regimes und in Moussavis Abwesenheit von einem seiner Berater verfasst und unter seinem Namen auf seiner Webseite veröffentlicht worden. Weiterlesen

Die Schlacht der „Grünen“ Sender

Ein persönlicher Kommentar von Pedestrian, 6. August 2010
Quelle (Englisch): http://www.sidewalklyrics.com/?p=7046

Lange vor der „Selektion“ [der Präsidentschaftswahl] von 2009, als eine reformorientierte Zeitung nach der anderen schneller geschlossen wurde, als man „Khamenei“ sagen kann, gab es in den Reihen der Reformer eine ständige Diskussion darüber, dass die Opposition ihre eigenen Fernsehsender und Medienkanäle haben müsste, fernab des Zugriffs der Hardliner. Karroubi sprach oft davon, einen unabhängigen Satellitensender zu etablieren.

Das Problem war natürlich immer schon, dass diese „Opposition“ so weit gefasst definiert ist, dass es niemals gelang, eine Gruppe daraus zu bilden.

Die Dynamik, die sich nach der „Selektion“ vom Juni 2009 herausbildete, hat der Frage jedoch neue Impulse und ein neues Ziel verliehen. Warum sollen BBC und VoA die Sprachrohre sein, fragten sich viele. Es ist Zeit, dass wir unsere eigene Stimme bekommen.

Jetzt haben zwei verschiedene Gruppen die Inbetriebnahme von Fernsehsendern angekündigt.

Die eine Gruppe hat eine Stiftung mit dem Namen „Bonyad-e Neda“ („Neda-Stiftung) gegründet. Chefs sind u. a. der Akademiker Ramin Jahanbegloo, der Karikaturist Nikahangh Kowsar, die Journalistin Masih Alinejad, die Schriftstellerin Shahrnoush Parsipour und die Aktivistin und Anwältin Mehrangiz Kar. Der Sender heißt „Iran Neda“. [Anm. d. Übers.: „Neda“ bedeutet auf Persisch „Stimme“]

Die andere Gruppe ist die von JARAS (Rahe Sabz), dabei sind Mohsen Kadivar, Abdolali Bazargan, Fatemeh Haghighatjou und Mohajerani. Ihr Sender wird „RASA“ – Grüner Pfad der Hoffnung [laut IranGreenVoice: Abkürzung für Resan-e Sabz-e Iran/Irans Grüne Medien, d. Übers.] heißen.

Über die Finanzierung der beiden Netzwerke ist noch nichts bekannt.

Zwar bestehen beide Gruppen aus Myriaden unterschiedlicher Menschen, aber wenn ich verallgemeinern müsste, würde ich sagen, dass die Leute von RASA religiöser orientiert sind und den politischen Reformparteien im Iran näher stehen. Einige von ihnen, darunter Mojaherani und Haghighatjou, waren früher selbst Politiker. Vermutlich stehen sie auch Rafsanjani nahe, der möglicherweise eine Finanzierungsquelle darstellt (sein Sohn, der seit Monaten in Großbritannien lebt, muss sich schließlich mit irgendwas beschäftigen).

Iran Neda hingegen ist stärker künstlerisch-akademisch orientiert.

Beide Gruppen bringen einen großen Reichtum an Wissen und Bildung ein, und obwohl wir uns jeweils einer der beiden Gruppen näher fühlen mögen, freue ich mich darauf, zu sehen, wie diese Projekte sich entwickeln werden. Ich drücke die Daumen, dass sie sich überhaupt entwickeln – zu viele solcher Projekte enden in Fehden, noch bevor das Projekt selbst über die Startphase hinaus gelangt ist.

Auch interessant ist, wie die beiden Projekte sich in Name und Logo darstellen: Die erste Gruppe nennt sich „Iran Neda“ und schreibt „ein Medium, tausend Stimmen“. Die Farbe Grün ist bei ihnen verschwunden. Die zweite Gruppe nennt sich „Grüner Pfad der Hoffnung“, das Logo besteht aus einem „V“ auf grünem Hintergrund, und darunter ist zu lesen „Das Grüne Medium Irans“, womit sie sich klar als „Grüne“ Nachrichtenquelle zu erkennen gibt.

Übersetzung aus dem Englischen: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Ein detaillierter Artikel über RASA findet sich auf Englisch bei Green Voice of Freedom

Schlagabtausch: Rafsanjanis Tochter vs. Basijis

Veröffentlicht auf Pedestrians Blog am 23. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.sidewalklyrics.com/?p=4168
Übersetzung Englisch-Deutsch: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Rafsanjanis Tochter Faezeh Rafsanjani sitzt im Auto, voll verschleiert, im traditionellen schwarzen Tschador.

Offenbar hatte sie an der Universität einen Vortrag oder eine Rede gehalten.

Eine Gruppe Männer versuchen, sie dazu zu bringen, aus dem Auto zu steigen. Der, der vorn steht, holt ihre Sachen aus dem Auto und wirft sie auf den Boden. Sie fragen: „Warum waren Sie hier? Warum haben Sie eine Rede gehalten? Was haben Sie gesagt?“

Sie antwortet: „Weil ich es wollte.“

Basij: „Wir wollen, dass Sie auch mit uns reden.“

Die Männer diskutieren untereinander die ganze Zeit darüber, was der interessanteste Teil des Gesprächs ist. Sie verwenden die Wörter „Debatte“, „Diskussion“, „Dialog“, „Gespräch“ etc. – alles Begriffe, die sie offensichtlich von der Reformbewegung übernommen haben.

Basij: „Sind Sie nicht diejenige, die gerade die Rede gehalten hat? Über die Studentenbewegung, die Forderungen stellt? Steigen Sie aus dem Auto aus, wir wollen ein Gespräch führen. Wir sind auch Studenten, wir wollen uns unterhalten. Wir wollen ganz bestimmt nicht unhöflich sein, wir wollen nur reden. Nur reden.“

Faezeh: „Sie können reden, wo immer sie wollen. Gehen Sie, reden Sie.“

Basij: „Nein, wir wollen, dass Sie ein paar Dinge wiederholen, die Sie gesagt haben.“

Faezeh: „Was habe ich gesagt? Sagen Sie mir, was ich gesagt habe.“

Basij: „Wissen Sie etwa nicht, was Sie gesagt haben?“

Faezeh: „Ich habe gesagt, was ich gesagt habe. Wenn Sie das kommentieren möchten, können Sie das jetzt tun.“

Mehrere Männer rufen: „Wann werden Sie damit aufhören? Wie lange soll das noch weiter gehen?“

Ein anderer Mann: „Wie lange wollen Sie damit noch weitermachen?“

Faezeh: „Weitermachen womit?“

Die Männer antworten gleichzeitig, jeder von ihnen benutzt einen der Ausdrücke „diese..“ „diese grüne..“, „Omavi-Bewegung“, „amerikanische Bewegung“. (Anm. d. Übers. aus dem Persischen: Die Bani Umayyah, die Omavi, waren Feinde der Bani Hashim, der Familie des Propheten. Sie deuten also an, dass die Bewegung sich gegen den Propheten und den schiitischen Islam richtet.)

Basij: „Sind Sie für diese Bewegung oder gegen sie?“

Faezeh: „Das ist meine Angelegenheit.“

Basij: „Sie behaupten, dass Sie heute zum Studieren hierhergekommen sind, aber die Türen waren geschlossen, also sind Sie zu den Studenten gegangen, um eine Rede zu halten?“

Faezeh: „Gehen Sie hinein und fragen Sie jeden, den Sie wollen, was ich hier gemacht habe.“

Basij: „Wen sollen wir fragen?“

Faezeh: „Irgendjemanden – die Verwaltung, Professoren, und so weiter.“

Basij: „Wir wollen aber Sie fragen. Sie stehen hier, wir können Sie fragen. Wir wollen eine Debatte führen.“

Faezeh: „Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich möchte Ihnen nicht antworten. An einer Debatte müssen sich beide Seiten beteiligen. Ich habe das Recht darauf, keine Diskussion oder Debatte zu führen.“

Sie bestehen weiter darauf, eine „Debatte“ zu führen. „Warum sind Sie heute hergekommen? Um die Studenten aufzuwiegeln?“

Faezeh: „Ich hatte heute eine Lehrveranstaltung.“

Basij: „Zeigen Sie mir den Ausdruck [print] der Lehrveranstaltung“ (der Übersetzer aus dem Persischen ist sich nicht sicher, was mit „print“ gemeint ist)

Faezeh: „Wenn Sie eine Lehrveranstaltung haben, bewahren Sie den Ausdruck auf? Niemand tut das.“

Basij: „Haben Sie die Dokumente bei sich? Haben Sie einen Studentenausweis?“

Jemand ruft aus dem Hintergrund: „Haben Sie die Besitzurkunde für das Gebäude bei sich?“ (Anspielung auf die Gerüchte über Rafsanjanis Vermögen). „Immerhin ist dies das Land ihres Vaters, sie wird all dies erben.“

Ein anderer Basij: „Nein, keine Verleumdungen, keine Rohheiten. Tut ihre Sachen zurück ins Auto.“

Faezeh: „Sie können keine Gewalt anwenden. Sie können nicht…“

Ein Basij: „Gott sei Dank, sie hat angefangen zu sprechen – lasst uns alle Allah preisen!“

Als sie losfährt, rufen sie: „Schüttet Wasser hinter ihr aus!“ (Anm. d. Übers. aus dem Persischen: Man vergießt hinter einem Reisenden ein Glas Wasser, als Symbol für eine sichere Reise und eine sichere Rückkehr. Sie sagen es hier, um sich über sie lustig zu machen.)

Als sie wegfährt, sagt sie: „Seien Sie sicher, mit diesen Methoden werden Sie Ihre Ziele nicht erreichen.“

Alle zusammen rufen: „Sie etwa?!“

Analyse 22. Bahman: Kein Sieg, keine Niederlage

Veröffentlicht auf Pedestrians Blog am 11. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.sidewalklyrics.com/?p=3809
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Originaltitel: „More Accounts of REALITY … No Victory … No Defeat“
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von der Übersetzerin

Von pedestrian

Khordaad88 hat mehrere Augenzeugenberichte von den heutigen Demonstrationen übersetzt. Wir werden in den nächsten Tagen weitere Berichte veröffentlichen.

Hier ist ein Bericht: [Auszug, d. Ü.]
Vor der Demonstration schrien wir, wir riefen: Es ist so eine dumme Idee (sich auf dem Azadi-Platz zu versammeln). Wir argumentierten, es sei unmöglich, Azadi „einzunehmen“, das würde nur dem Gegner helfen. Niemand hörte zu.

Ich ließ eine Fußgängerin in mein Auto steigen. Sie weinte. Sie sagte, dass alle auf unserer Seite seien, aber wir hätten uns nicht getraut, uns zu bewegen. Sie (die Regierungsanhänger) waren schon seit 6 Uhr Morgens dort. Es war ein sehr religiös aussehender Junge dort, mit Bart und Keffiyeh. Er wischte sich mit seiner Keffiyeh den Schweiß von der Stirn und fragte sie: „Woher wissen Sie, dass alle auf unserer Seite waren?“ Das Mädchen antwortete unter Tränen: „Weil sie die Parolen aus den Lautsprechern nicht wiederholt haben.“ Und der Junge bedachte das System mit allen nur möglichen nicht druckreifen Bezeichnungen unter der Sonne.

Ich fragte: Warum haben die Leute nicht einfach etwas anderes gerufen?

Sie sagte: Weil sich Unmengen von Sicherheitskräften unter uns gemischt hatten. Außerdem konnte man nicht erkennen, ob die Leute neben einem Regierungstreue waren oder nicht.

Ich fragte den Jungen: Warum haben Sie sich so verkleidet?

Er antwortete: Wir sollten das tun. Ich habe das auf Balatarin gelesen. (Der Plan war, sich als Regierungsanhänger auszugeben, nach vorn zu gehen und Azadi „einzunehmen“)

Als meine Frau das Wort „Balatarin“ hörte, schüttelte sie den Kopf, und ich wünschte mir, ich hätte auch eine Keffiyeh, um mir den Schweiß abzuwischen.

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[Es folgt der Kommentar von Pedestrian]

Viele sprechen darüber, ob der heutige Tag eine „Niederlage“ oder ein „Sieg“ für die Grünen war. Ganz bestimmt müssen wir noch ein wenig abwarten und beobachten, aber basierend auf dem, was wir wissen… Ich betrachte Dinge nicht unter solchen Gesichtspunkten. Was gab es, dass „gewonnen“ werden sollte und nun „verloren“ ist? Ja, hinsichtlich der niedrigen Beteiligung wird es in den nächsten Wochen/Monaten sehr wahrscheinlich noch mehr Druck auf die Oppositionsgruppen und Menschenrechtsaktivisten geben. Aber wenn man berücksichtigt, wo wir im Moment stehen – was wurde wirklich verloren? Die Iraner innerhalb Irans haben entweder beschlossen, den Demonstrationen fernzubleiben, oder sie konnten sich nicht in großer Zahl versammeln, oder… Aber so ist es jetzt. Wenn Sie ein durchschnittlicher Iraner wären, der die Opposition unterstützt, was wäre für Sie jetzt verloren?

Wenn man heute in Iran Student, Aktivist etc. ist, weiß man das noch nicht. Und genau das ist es: Wir wissen noch nicht genug, um so lautstark von Niederlage und Verlust sprechen zu können.

Ich persönlich bin nicht enttäuscht, denn nach der unglaublichen Beteiligung, die ich an Ashura gesehen habe, war ich sicher, dass der Staat sich nach Ashura gut auf den 22. Bahman vorbereiten würde. An Ashura waren sie völlig überrumpelt und waren entschlossen, so etwas nicht noch einmal zuzulassen, weil es für sie ein so wichtiger Tag war. Es war wichtig, die Oppositin wie kleine Gruppen von „eghteshahgar“ [in etwa wohl „Störenfriede“, d. Ü.] aussehen zu lassen und die ganze Stadt vollkommen abzusichern.

Irgendetwas anderes zu erwarten wäre nichts weiter als glückseliger Optimismus gewesen.

Hinzu kommen schwere Fehleinschätzungen der Grünen selbst.

An diesem Punkt, denke ich, ist der Einfluss der Diaspora auf die Situation in Iran eher schädlich.

Als ich vor ein paar Wochen in einem iranischen [Friseur]Salon war, sagte mir die 57jährige Dame dort, die ich seit nunmehr über zehn Jahren kenne: „Ich will seit zwanzig Jahren in den Iran fahren. Jetzt warte ich bis nach dem 22. Bahman, da wird das Regime gestürzt, und dann fahre ich.“

Wirklich?

Ich sprach mit einer Reisebüromitarbeiterin, einer Freundin der Familie, die erzählte, dass sie von mindestens einem Dutzend Leuten angerufen worden sei, für die sie Reservierungen nach Iran machen sollte. Sie sollte die Buchungen aber nicht vor dem 22. Bahman bestätigen, erst dann wüssten sie, dass „das Regime mit Sicherheit gestürzt wird.“

Gestern gab es eine Umfrage auf Balatarin, in der 85% der Usesr – fast 11,0000 [sic] Personen von innerhalb und außerhalb Irans – dafür stimmten, dass die Grünen Azadi „einnehmen“ würden. Solche Gedanken wurden durch fragwürdige Personen wie Mohsen Sazegara weiter angeheizt, der auf VOA Tips gab, „was die Demonstranten tun sollen, nachdem sie Azadi eingenommen haben“. Es war die Rede von „mehr als 3 Millionen Oppositionellen“ bei der Kundgebung. Ich denke, das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie die virtuelle Welt und die Gemeinschaft der Exiliraner ihre Visionen von Zuckerfee-Märchen im Fernsehen verbreiten – und sie sind zu einer Bürde für die Bewegung geworden. Wenn man Erwartungen weckt, die über die tatsächliche Kapazität einer Bewegung hinausgehen, kann das nur zu Enttäuschung und Verzweiflung führen.

Die Wahrheit war, dass vor dem Hintergrund von Ashura heute kein einfacher Tag werden konnte, und dass die Grünen zumindest einen besseren Plan hätten vorbereiten müssen. Das Sicherheitsaufgebot war immens, es gab keinen guten Plan – so war unausweichlich, was heute passiert ist.

Ich bin der Meinung, was wir heute erlebt haben, war eher ein „Realitäts-Check“ als eine Niederlage.

– Der Staat verfügt über weitaus größere Sicherheitsreserven als wir glauben möchten
– Der Staat hat weitaus mehr Ressourcen zur Mobilisierung von Unterstützern etc. als wir annehmen möchten
– Wir müssen über die Grenzen von Straßenprotesten hinaus denken

Moussavis Interview mit Kalemeh (Teilübersetzung), 2. Februar 2010

Veröffentlicht auf Pedestrians Blog am 2. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.sidewalklyrics.com/?p=3491
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben
Anm. d. Übers.:
Moussavi hat der Webseite Kalemeh ein Interview gegeben. Die Übersetzung des ersten Teils (Frage 1+2 von insgesamt 10 Fragen) wurden auf Pedestrians Blog bisher in voller Länge übersetzt. In runde Klammern gesetzte Anmerkungen stammen vom Übersetzer der englischen Version.

Die hier fehlenden Teile des Interviews sind hier nachzulesen

Kalemeh: Kann man sagen, dass der Fall des Pahlavi-Regimes unvermeidlich war?

Das Regime hatte seine Legitimität vollständig verloren. Natürlich hatte dies auch viel damit zu tun, dass Bürger (von den Kräften des Regimes) auf den Straßen getötet wurden. Die Morde vom 17. Shahrivar (8. September) waren ein entscheidendes Moment. Wenn wir zurück blicken, sehen wir, dass wenn das Pahlavi-Regime die Errungenschaften der Konstitutionellen Revolution (die die Einrichtung des Parlaments zur Folge hatte) nicht aufgegeben hätte, die Monarchie hätte überleben und in der Rolle, die die Verfassung für sie vorsah, weiter regieren können, und zwar mit der Rückendeckung der Stimmen des Volkes. Die Pahlavis waren diesbezüglich (ihrer Missachtung der Verfassung) von Anfang an oft gewarnt worden, und der verstorbene Modares opferte sogar sein Leben für dieses Ziel. Aber alle Warnungen und Hinweise waren vergeblich, und nur wenige Jahre nach der Konstitutionellen Revolution hatte das despotische Regime wieder die Oberhand, wenn auch dieses Mal mit einer modernen Fassade.

Die vergleichsweise lange Regierungszeit der Pahlavis zeigt, dass die Wurzeln des Despotismus in der Konstitutionellen Revolution nicht vollständig zerstört worden waren. Diese Wurzeln lebten innerhalb kultureller, sozialer und politischer Strukturen weiter. Ich weiß noch, dass in jenen Jahren eines der Bilder, die der Schah ständig für Werbezwecke benutzte, einen Bauern zeigte, der dem Schah die Füße küsste. Der Schah war der Meinung, dieses Foto zeige die tiefe Liebe des Volkes zu ihm, aber natürlich sahen weise Männer viel mehr in diesem Foto.

Kalemeh: Die Elemente, von denen Sie sagen, dass sie despotische Regimes wiederbeleben – wurden diese Elemente in der Islamischen Revolution beseitigt?
In den ersten Jahren der Revolution waren die Menschen überzeugt davon, dass die Revolution all diese Strukturen, durch die Despotismus und Diktatur wieder erstarken könnten, vollständig zerstört hatte. Und ich war einer von denen, die das glaubten. Heute jedoch glaube ich das nicht mehr. Heute können wir eben diese Strukturen, die zum Despotismus führten, erkennen, und wir können auch den Widerstand erkennen, den Menschen dagegen zeigten, eine Rückkehr zur Diktatur zu erlauben. Dieser Widerstand ist ein wertvolles Erbe der Islamischen Revolution. Dass die Menschen die Täuschungen, Lügen und Korruption, die wir heute sehen, nicht tolerieren, lässt dieses Erbe deutlich zutage treten. Ebenso wie die strikte Kontrolle über Zeitungen und Medien, die überfüllten Gefängnisse, die brutale Ermordung unschuldiger Menschen, die auf den Straßen friedlich ihre Rechte einfordern… all das zeigt die Wurzeln des Despotismus, die noch übrig sind. Den Menschen geht es um Gerechtigkeit und Freiheit, und sie wissen, dass all die Verhaftungen und Hinrichtungen politisch motiviert und verfassungswidrig sind. Sie verachten die Monarchie, aber sie wissen auch, dass Menschen auf der Grundlage unseriöser Anklagen und ohne einen gesetzmäßigen Prozess zum Tode verurteilt werden können.

(Das Volk weiß, dass diese Hinrichtungen nur vollzogen werden,] damit ein unbarmherziger, brutaler Freitagsgebetsleiter, der immer schon Korruption, Gewalt und Täuschung das Wort geredet hat, ihnen applaudieren kann. Ihn (den Freitagsgebetsleiter) interessiert es überhaupt nicht, ob erzwungene Geständnisse weit verbreitete Praxis sind, und es ist ihm egal, dass diese Personen (die hingerichtet wurden) nichts mit der Wahl zu tun haben. Was für ihn zählt, ist, wie viel Angst durch die Hinrichtungen erregt werden kann. Er kennt nicht die Macht unschuldig vergossenen Blutes, er weiß nicht, dass es das Blut von Märtyrern war, das den Fall des Pahlavi-Regimes herbeiführte. Seit der Revolution haben die Menschen an Freiheit, Unabhängigkeit und die Islamische Republik geglaubt. Die Stärke und der mutige Widerstand des Volkes und unserer Soldaten während des achtjährigen Krieges war ein Zeichen der äußerst fundamentalen Veränderungen, die sich in unserer Gesellschaft zugetragen hatten. Wir sollten uns daran erinnern, dass Teile unseres Landes in Zeiten der Schahs (Könige) durch Kriege, Krise und politische Spiele verloren gingen, und der mutige Widerstand unseres Volkes während des achtjährigen Krieges endete in diesem teuflischen Kreislauf.

Und jetzt, in den mutigen, beständigen grünen Linien der Menschen, die ihre Rechte einfordern, sehen wir ein Kontinuum desselben Widerstandes, den wir während des Krieges und in der Revolution von 1979 gesehen haben.

(Ab hier Übersetzung von Khordaad88)
Wenn wir heute andererseits sehen, dass die Regierung, das nationale Fernsehen und ihre angegliederten Zeitungen ohne Schwierigkeiten lügen, wenn unser Volk sieht, dass die Sicherheitskräfte und das Militär in Wirklichkeit das Justizsystem kontrollieren und das Justizsystem zu einem Instrument der Sicherheitskräfte geworden ist, können wir daraus schließen, dass wir am Anfang der (Islamischen) Revolution zu optimistisch waren.

Ich glaube, dass das Märtyrertum von Männern wie Beheshti, Motahari und anderer Märtyrer der Islamischen Revolution durch die Ausdehnung dieser sehr despotischen Wurzeln des Vorgängerregimes bedingt war, die nicht vollständig zerstört worden waren. Darum glaube ich nicht, dass die Islamische Revolution ihre Ziele erreicht hat.

Das jährlich stattfindende Fajr-Festival ist eigentlich dazu da, dass (das Volk) wachsam wird und dazu, sie dafür zu stärken, die verbliebenen Wurzeln des Despotismus zu beseitigen. Heute beteiligen sich die Menschen aktiv, weil sie Gerechtigkeit und Freiheit wollen, und weil sie die Herren ihres eigenen Schicksals sein möchten. Wir solllten daran denken, dass unsere Nation auf dieser Suche hunderttausende Märtyrer zu beklagen hatte.

Die Islamische Revolution ist das Ergebnis der Anstrengungen und Opfer unserer großen Nation. Doch (selbst) der kleinste Anflug von Unwissenheit, Ignoranz und Rückzug wird uns in eine noch finsterere Diktatur zurückführen als (die, die wir) vor der Revolution (hatten). Denn Diktaturen im Namen der Religion sind die schlimmsten Diktaturen. Andererseits werden uns Wissen und Beständigkeit in den wichtigsten Vermächtnissen und Zielen der Islamischen Revolution, (nämlich) ernsthafte Forderungen nach Freiheit und Gerechtigkeit, aus einer dunklen Vergangenheit in eine helle Zukunft führen. Sie werden die Überreste der Diktatur zerstören und einen Kontext für ein Leben in Freiheit schaffen, wo Diversität, Pluralismus, Freiheit der Rede und menschliche Würde geachtet werden. Ich glaube, die Interpretation des Islam, die Menschen als Ziegen, Dreck und Staub bezeichnet und eine Spaltung des Volkes bewirkt, (eigentlich) von einer prä-revolutionären diktatorischen Kultur beeinflusst ist. Die Justiz hätte gut daran getan, sich mit diesen Wurzeln und (Einflüssen) zu beschäftigen, anstatt junge Männer und Teenager hinzurichten, während ernsthafte und viele Gerüchte kursieren, dass sie zu Geständnissen gezwungen wurden.

Doch wie ich schon sagte, wir haben jede Hoffnung in die Justiz verloren. Ein Justizsystem, dass einen intellektuellen, religiösen und der Freiheit verpflichteten Mann wie den Sohn des Märtyrers Beheshti und andere freiheitsliebende Männer wie ihn ins Gefängnis steckt, eine Justiz, die ihn in den Fluren der Gerichte unter ein Foto seines Vaters setzt, hat sich weit von den Idealen der Revolution entfernt.

Heute sind die Zellen in den Gefängnissen mit den aufrichtigsten und engagiertesten Söhnen dieser Nation gefüllt: Studenten, Professoren und andere. Sie (die Sicherheitskräfte) versuchen, sie mit finanziellen, sexuellen oder spionagebezogenen Anklagen zu verfolgen, die auf ungültig gewordenen Formeln beruhen. Während die wahren Kriminellen und Diebe, die öffentliche Gelder stehlen, draußen frei herumlaufen. Anstatt die wirklichen Spione zu suchen, beschuldigen sie lieber anständige religiöse Menschen der Spionage.

Ich sollte diese Gelegenheit nutzen, um zu sagen, wie sehr ich bedaure, dass all meine Berater, die anständige, ehrliche und gebildete Menschen sind, verhaftet wurden und ich nicht bei ihnen bin. Es vergeht keine einzige Nacht, in der ich nicht an den Imam (Khomeini), Ayatollah Beheshti und andere teure Märtyrer denke und mir der Gedanke kommt, dass das, was erreicht wurde, weit von dem entfernt ist, was sie wollten.
Ich habe keinen meiner Berater genannt, weil ich allen politischen Gefangenen meinen Respekt zollen möchte. Iran wird ihre Namen und ihre Opfer nicht vergessen.

Eine Zusammenfassung der 15 zentralen Punkte des Interviews ist auf Enduring America erschienen. Die deutsche Übersetzung davon findet sich hier