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“Das Urteil”: Chaharshanbeh Soori. Ein Erlebnisbericht

Veröffentlicht auf Persian Umpires Blog am 21. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2010/03/21/the-verdict/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Die Feindseligkeit, mit der das iranische Regime Chaharshanbeh Soori betrachtet, ist nichts Neues. In den Jahren nach der Revolution wuchsen wir damit auf, dass wir in Angst feierten. Wenn wir auf unserer Straße unsere Feuer anzündeten und Böller warfen, rechneten wir jeden Moment mit den Basijis oder den Komiteh – Sicherheitskräfte, die in Nissan SUVs durch die Stadt patrouillierten – und sie enttäuschten uns fast nie. Wenn sie kamen, brüllten sie normalerweise unsere Eltern an und beendeten die Party. Wenn dann alle in ihren Häusern waren, gingen die kleineren Kinder hinauf auf die Dächer und bewarfen sie mit Böllern und selbstgebauten Granaten. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die Anwesenheit der Basijis bereits bis zu den bösen Jungs aus dem Viertel herumgesprochen, und die kamen dann auch prompt, um den Basijis eine schöne Tracht zu verpassen. Die älteren Kinder aus unserer Straße machten ebenfalls mit, bis die Polizei kam und alle auseinandertrieb. Manchmal endeten die Faustkämpfe in unserer Straße ziemlich blutig.

In jenen Jahren war Chaharshanbeh Soori für uns ein Mittel, unseren Trotz zu zeigen, aber auch einer der seltenen Anlässe, bei denen man sich in Iran amüsieren konnte. Und Chaharshanbeh Soori war immer lustig, mit oder ohne Basijis. Wir dachten immer, die Feindschaft zwischen dem Regime und Chaharshanbeh Soori käme entweder daher, dass das Regime alle Überbleibsel der persischen Geschichte auslöschen will, oder einfach daher, dass die Offiziellen schlicht und einfach spaßfeindlich sind.

Im Verlauf der letzten zehn oder fünfzehn Jahre gab es eine Art Waffenruhe zwischen der Bevölkerung und den Sicherheitskräften. Das Regime hatte es aufgegeben, die Leute daran hindern zu wollen, über ihre Lagerfeuer zu springen, und belästigte uns nicht mehr. In diesem Jahr war es anders. Das Regime war wieder im Spiel, natürlich.

Im Lichte der jüngsten Fatwa des Obersten Führers, der die Feierlichkeiten für unislamisch und dumm erklärt hatte, war ich neugierig darauf, wie viele Leute in meiner derzeitigen Wohngegend wohl feiern würden. Also stieg ich ins Auto und fuhr mit ein paar Freunden durch die Gegend. Wir klapperten ein ziemlich großes Gebiet ab, weil es auf den Schnellstraßen und Hauptstraßen so gut wie keinen Verkehr gab, und so fuhren wir in aller Ruhe von Wohngegend zu Wohngegend.

Überall, wo wir hinkamen, auch in allen Seitenstraßen, brannten Feuer, und die Leute standen darum herum und feierten. An manchen Stellen wurde sogar gesungen und getanzt, und wir sahen viele Frauen ohne ihre islamische Kopfbedeckung, die über die Feuer sprangen.

An den meisten Stellen waren die Müllcontainer weggeschafft worden, damit die Leute sie nicht in Brand steckten. Das hinderte aber niemanden daran, seinen Müll auf die Straße zu bringen und ihn dort aufzutürmen, wo sonst die Container standen, und natürlich gab es ein paar Spitzbuben, die die Haufen anzündeten.

Allerdings gab es in der Stadt auch ein hohes Sicherheitsaufgebot, und wir kamen auch durch mehrere Straßensperren. Die jüngeren Fahrer wurden angehalten, die Papiere wurden kontrolliert und die Kofferräume durchsucht. Aber alles in allem war ihre Rolle eher dekorativer Natur und beschränkt auf die Hauptstraßen und Plätze. Sie schienen sich nicht in die Wohngebiete hineinzutrauen. An manchen Stellen standen IRGC-Gardisten oder Basijis auf den Gehwegen der Hauptstraßen, während die Leute einige hundert Meter weiter das taten, wofür sie gekommen waren: sich amüsieren.

Wir hielten in der Wohngegend eines Freundes an und feierten mit. Wir sprangen über die Feuer und johlten, wenn die Kinder ihre Böller hinter uns hochgehen ließen. Wir sahen dort Feuerwerke, die die der Regierung bei den Fajr-Feierlichkeiten im letzten Monat blass aussehen ließen. Ganz oben auf den hohen Häusern um uns herum brannten die Leute riesige, bunte, schön gestaltete und professionell wirkende Feuerwerke ab. Sie müssen einen Haufen Geld ausgegeben haben für diese Show.

Gegen neun Uhr Abends fuhren wir weiter, um einen anderen Freund zu besuchen. Dort wo, er wohnte, war es in den letzten Jahren immer sehr voll gewesen, und es war viel gefeiert worden. Als wir ankamen, zeigte sich sofort, dass der Ort seinem Ruf gerecht wurde. Aber als wir das Auto abstellten, kamen plötzlich zwanzig oder dreißig IRGC-Motorradfahrer in vollem Harnisch angefahren. Die Leute schrien und liefen weg, die Gardisten stiegen von ihren Motorrädern und rannten schlagstockschwingend in die Straße hinein. Das war ein Fehler. Die Leute verschwanden in ihren Häusern, die Gardisten hinter ihnen her, und sobald sie die Mitte der Straße erreicht hatten, war niemand mehr da. Plötzlich hörten wir lautes Knallen, und die Straße war voller Rauch. Die Gardisten rannten zurück, begleitet vom „Mashallah, Mashallah!“ der Leute.

Vor meinen Augen spielten sich Szenen aus meiner Kindheit ab. Sobald die Gardisten weit in die Straße vorgedrungen waren, fingen die Leute an, sie von den Dächern aus mit selbstgebauten Granaten zu bewerfen. Diese Granaten sollen zwar nur laut sein, aber wenn man direkt von einer getroffen wird, kann das ziemlich gefährlich sein.

Die Gardisten rannten also zurück und blieben bei ihren Motorrädern, und wir gingen ins Haus meines Freundes und stiegen aufs Dach, um einen besseren Blick zu haben. Nach einigen Minuten Ruhe fingen die Leute auf den Dächern an „Tod dem Diktator“ zu rufen, und wir sahen, wie ein paar Leute auf den Nachbardächern Böller anzündeten und die Gardisten damit bewarfen. Das ging eine ganze Weile so, bis jemand eine Granate warf, die direkt neben den Gardisten landete und sie zum Abzug zwang.

Das also ist das Urteil: Nieman gab das Hinterteil eines gewissen Nagetiers auf diese Fatwa. Vielmehr hat sie die Entschlossenheit der Menschen gestärkt, nach draußen zu gehen und zu feiern. Abgesehen von gelegentlichen Rangeleien mit Sicherheitskräften und einigen wenigen Verhaftungen hatten die meisten Leute eine schöne Zeit.

Anmerkung: Wir haben das iranische Neujahr, und ich muss dringend ein paar Tage Urlaub machen. Ich weiß, dass ich viele ungelesene E-Mails in meiner Mailbox habe, weil ich lange weg war. Bitte gebt mir ein paar Tage Zeit, und ich werde anfangen, sie zu beantworten. Wenn ihr Nowrooz feiert, wünsche ich euch ein glückliches neues Jahr. Und wenn ihr in der südlichen Hemisphäre lebt – dann habe ich euch zum jetzigen Zeitpunkt nichts zu sagen, es sei denn, ihr möchtet gern umziehen.

Die Stufen von Evin

Veröffentlicht auf Persian Umpires Blog am 20. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2010/03/20/the-steps-of-evin/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben.

Leseempfehlung: Die Vorgeschichte zu diesem Bericht

Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich dieser Tage vor dem Evin-Gefängnis auf die Freilassung eines Freundes warten würde, der am Jahrestag der Revolution verhaftet wurde, weil er ein grünes Armband in seiner Tasche hatte, hätte ich ihn freundlich zur Hölle geschickt. Iran war zwar ein merkwürdiger Ort, aber so merkwürdig auch wieder nicht.

Da war ich nun, vor dem Evin-Gefängnis, stand in der Kälte und dachte, wie dumm es von ihm gewesen war, etwas so gefährliches wie ein grünes Armband bei sich zu haben, und dann, wie dumm es von mir war, zu denken, wie dumm es von ihm war. Aber das ist Iran. Etwas so wertloses wie die Flusen in deiner Tasche können das Zeug dazu haben, das Regime zu stürzen.

Den Abend des 22. Bahman brachten wir damit zu, herauszufinden, wo unser Freund – und Myriaden anderer – hingebracht worden war. Angesichts der Umstände und der Anzahl der Verhaftungen an diesem Tag konnte er in jedem Teheraner Gefängnis sein. Unser einziger Trost war, dass er von der Polizei verhaftet wurde und nicht von den Basijis oder den Revolutionsgarden. Auch wenn die Polizei in der Bevölkerung nicht gerade beliebt ist, ist sie doch zumindest annähernd gesetzestreu in ihren Vorgehensweisen, was die Chancen erhöhte, dass mein Freund tatsächlich in einem Gefängnis sein könnte und nicht in irgendeiner obskuren Moschee. Sein Verhaftungsgrund war so unsinnig, dass ich sogar hoffte, dass er am selben Abend freigelassen werden würde.

Einige von uns trafen sich am Abend bei jemandem zu Hause, telefonierten und versuchten, Informationen zu bekommen, während andere die Gefängnisse abklapperten und die Wachen fragten, wohin die Verhafteten des Tages gebracht worden waren. Das brachte nicht viel, denn die Behörden in Iran neigen dazu, Anfragen zu ignorieren oder falsche Informationen zu geben. Aber spät abends erfuhren wir durch einen Bekannten eines Bekannten, der jemanden kannte, der für die Teheraner Polizei arbeitet, dass der Ort der Verhaftung unseres Freundes darauf hindeutete, dass er wahrscheinlich im Gefängnis xy sei. Wir waren nicht sicher, wie verlässlich die Information war, aber es war besser als nichts. Vor dem nächsten Morgen konnten wir nicht viel tun, also gingen wir auseinander.

Am nächsten Tag besuchte ich seine Familie. Sie kannten die Geschichte – wir hatten ihnen am Vortag alles erzählt – aber wir mussten uns zusammensetzen und die nächsten Schritte besprechen. Vormittags rief ein Freund an, der gehört hatte, dass die meisten Verhafteten vom 22. Bahman am Morgen für die weiteren Procedere nach Evin gebracht worden waren. „Evin?“ fragte ich. „Ja, Evin“, sagte er, aber er war nicht sicher. Er hatte am Morgen vor dem Gefängnis xy gestanden und gesehen, wie eine Reihe von Bussen herauskam, und war ihnen bis nach Evin gefolgt. Andere Familien, die dort warteten, hatten dasselbe getan.

Abgesehen davon, dass ich mir Sorgen machte, hasste ich es, im Dunkeln zu tappen und nicht einmal die einfachsten Tatsachen zu kennen. Mein Freund hätte in einem dieser Busse sein können, oder auch nicht. Wir waren nicht einmal sicher, ob er in der Nacht vorher wirklich in diesem Gefängnis xy gewesen war. Was nun? Sollten wir Evin stürmen?

„Waren Leute in den Bussen, oder waren sie leer?“ fragte ich. „Woher soll ich das wissen? Sie hatten Gardinen, und ich konnte nicht hineinsehen. Der Wachmann sagte, das wären die Leute vom 22. Bahman. Er sagte, alle Leute vom 22. Bahman würden nach Evin gebracht werden.“ Das half auch nicht besonders. Aber andere Familien waren nach Evin gefahren, also fuhren wir auch hin. Ich schnappte mir einen Freund, und wir machten uns auf den Weg.

Wir parkten irgendwo in der Nähe des Gefängnisses und gingen dann langsam und vorsichtig Richtung Haupteingang. Dabei versuchten wir, all die Kameras zu finden, die in der Gegend installiert worden sein sollen, und planten unseren Fluchtweg für den Fall, dass wir von den Schlägern der Regierung angegriffen werden würden. Aber wir trafen weder auf Kameras, noch auf Schläger. Was wir stattdessen vorfanden, war eine riesige Menschenmenge. Einige hatten sich auf den obersten Stufen der Treppe versammelt, die zu der kleinen Tür des Gefängnisses führte, neben dem Haupteingang, andere waren unten auf dem Parkplatz vor dem Gefängnis, redeten, rauchten, lachten, fragten, machten sich Sorgen und trösteten.

Wir waren etwa zehn Minuten dort, als ein junger Mann mir auf die Schulter klopfte. Ich drehte mich um. Er sah sehr müde aus, und neben ihm stand ein anderer müde aussehender junger Mann. Sie waren Freunde. „Können wir bitte ein paar Zigaretten von Ihnen haben?“ fragte er. „Klar“. Ich holte meine Packung hervor. „Danke, Mann, wir haben seit fast zwei Tagen nicht mehr geraucht“, sagte er. „Warum? Habt ihr aufgehört?“ fragte ich. „Nein, wir sind gerade freigelassen worden.“

„Freigelassen?!“
„Ja, sie haben uns gestern Morgen verhaftet.“
„Wow… Hut ab! Ihr seht gut aus. Ich bin überrascht.“
„Es war keine große Sache.“
„Wo seid ihr verhaftet worden?“
„In der Nähe der Teheran-Universität. Sie haben so viele verhaftet.“
„Wie hat man euch behandelt?“
„Es war okay. Die letzte Nacht war allerdings schlimm.“
„Wo wart ihr?“
„Im Enghelab-Gefängnis. Wir haben die Nacht dort verbracht, und heute Morgen haben sie uns hergebracht wegen der weiteren Bearbeitung.“
„Haben sie euch geschlagen?“
„Eigentlich nicht. Nur die üblichen Schläge und Tritte. Ein paar von ihnen waren nett. Aber man kennt ja die Gefängnisse. Sie haben uns im Hof in der Kälte stehen lassen, ungefähr bis neun Uhr, und als sie uns dann hineingelassen haben, waren wir mit ungefähr 50 Leuten in einer kleinen, engen Zelle. Sie haben uns ganz wenig Wasser gegeben, und einmal bekamen wir etwas zu essen. Sie haben einen Topf mit gekochten Eiern und einen Sack mit gebackenen Kartoffeln in die Zelle geworfen. Geschlafen habe ich mit dem Fuß von irgendjemandem in meinem Mund.“

Was der junge Mann mit „üblichen Schlägen und Tritten“ meint, ist der normale Machtmissbrauch, den Iraner in Positionen mit Autorität normalerweise an den Tag legen. Da wir in Iran aufgewachsen sind, haben wir schon in der Schule reichlich davon mitbekommen, wenn unserer Lehrer uns schlugen, weil wir unsere Gedichte nicht auswändig konnten, oder wenn wir verhaftet wurden, weil wir kurze Ärmel trugen oder auf der Straße mit Mädchen gesprochen hatten. Sie haben einen in der Hand, und wenn ein Wachmann an dir vorbeigeht und ihm danach ist, dir einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen, nur weil er es darf, dann tut er es.

„Es war also nicht schlimm?“ fragte ich.
„Nein. Die, die uns schlecht behandelt haben, waren meistens die jungen niedrigrangigen Bastarde aus den Provinzen. Die haben sich nur einen schönen Tag gemacht. Ein paar da drinnen waren auch nett, vor allem die Höherrangigen. Der Richter hier in Evin war auch nett. Als einer sich beschwerte, dass man uns seit gestern nicht erlaubt hatte zu pinkeln, schrie er die Wachen an, dass man so nicht mit Menschen umzugehen habe. Also brachten sie uns nach draußen in den Hof und sagten, wir könnten überall hinpinkeln. Können Sie sich das vorstellen? Wir haben Evin angepinkelt. Ich bin stolz darauf.“
„Und warum seid ihr hier? Ihr müsst es doch eilig haben, nach Hause zu kommen.“
„Ja, ich warte, dass meine Frau mich abholt. Wir durften nicht telefonieren. Ich habe mir von jemandem ein Handy geliehen, um ihr zu sagen, dass ich hier bin. Sie kommt.“

Wir rauchten und unterhielten uns. Sie erzählten mir, dass die Leute, die am 22. Bahman wahllos verhaftet worden waren, als „Pishgiri“ (Prävention) eingestuft wurden. Weil die „Verbrechen“ so lächerlich waren, rechneten sie damit, dass die meisten bald freigelassen werden würden. „Da drin ist es auch verrückt. Sie haben so viele Leute verhaftet, dass es wahrscheinlich keinen Platz mehr gibt, und die Gefängnisse sind schon voll, also lassen sie alle schnell wieder frei“, sagte einer von ihnen. Sie erzählten auch, dass ihre Augen die ganze Zeit verbunden waren, aber sie konnten durch Lücken an den Seiten etwas sehen.

In der Zeit, die ich vor dem Evin-Gefängnis verbrachte, wurden die Gefangenen in Gruppen von drei, vier, fünf oder sechs, oder mehr freigelassen, fast halbstündlich, ohne ihre persönlichen Habseligkeiten, ohne ihre Familien angerufen zu haben. Sie kamen aus der kleinen Tür, rieben sich die Augen und blinzelten, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten, und hielten dann Ausschau, ob irgendjemand auf sie wartete. Wenn jemand rauskam, johlten und applaudierten die Umstehenden, klopften ihnen auf die Schultern, während sie die Treppe herunterkamen, und sagten, sie seien Helden. Einige der Freigelassenen machten das Siegeszeichen und riefen „Sieg!“ Die Leute boten ihnen Essen, Wasser, Süßigkeiten und Zigaretten an. Ich lernte, all diese Dinge dabeizuhaben, aber Zigaretten waren am gefragtesten. Fast jedes Mal, wenn ich fragte, ob sie Hunger oder Durst hätten, war die Antwort: „Zigaretten… Mann… Zigaretten.“

In diesen Situationen bekommt man die verlässlichsten Informationen von den Familien, die vor dem Gefängnis warten, oder von den Gefangenen selbst. Jeder freigelassene Gefangene nahm sich ein paar Minuten Zeit, um die Fragen der Leute zu beantworten, in denen es meistens darum ging, ob sie ihre Angehörigen gesehen hätten oder nicht, und wenn ja, wie es ihnen gehe und welche Akte man im Gefängnis für sie zusammenbasteln würde. Einige mussten telefonieren und warten, bis sie jemand abholt, und in diesen Fällen konnten wir länger reden und viel erfahren. Es gab auch welche, die aus den Provinzen kamen und ihre Familien nicht erreichten. Sie waren ohne Geld in einer Gegend, die sie nicht kannten, aber die Leute, die nach Hause fuhren, boten ihnen Mitfahrgelegenheiten an.

Die meisten, die in diesen Tagen freigelassen wurden, waren vom 22. Bahman. Aber wir sahen auch andere, manche von Ashura, manche waren vor vielen Monaten verhaftet worden. Ich erinnere mich, wie ein Mann Anfang 30 herauskam, und wir umringten ihn. Er war ruhig, lächelte, seine Augen waren leicht gerötet. Die Leute fingen an, ihre üblichen Fragen zu stellen. Er sagte, er würde niemanden kennen. Er war zwei Monate lang in Einzelhaft gewesen und kannte nur den Namen seines Mitgefangenen. Einige entschuldigten sich bei ihm für die Belästigung, er müsse völlig am Ende sein. „Gar nicht. Es war kein Spaß, aber es war auch keine große Sache. Ich weiß jetzt, dass ich es wieder tun kann“, sagte er, immer noch lächelnd. Bewundernd sah ich ihm nach, als seine Familie ihn umringte und mit ihm wegging, lachend und weinend.

Am ersten Tag erkundigte ich mich auch nach meinem Freund. Einige sagten, sein Name käme ihnen bekannt vor, andere waren nicht sicher. Spät am Nachmittag wurde eine Frau freigelassen, die das Einwickelpapier einer Tafel Schokolade herausgeschmuggelt hatte. Etwa 20 Leute hatten ihre Namen und Kontaktdaten ihrer Verwandten darauf geschrieben. Das war eine gute Methode. Freigelassene riefen die Nummern auf ihren Listen an und informierten die Familien. Der Name meines Freundes war auf der Liste. Bingo! Er war drinnen.

An diesem Tag kamen ungefähr 100 Gefangene heraus, Männer, Frauen, Junge und Alte. Ich weiß noch, wie sie eine alte Frau freiließen, sie war sicher über siebzig. Sie trug einen schwarzen Tschador und hatte Schwierigkeiten, die Treppe hinunter zu kommen. Ein paar Leute hielten ihre Hände und halfen ihr hinunter, alle anderen sahen schweigend zu. Ich glaube, wir alle waren still, weil wir nicht glauben konnten, dass sie sogar jemanden wie diese Frau verhaftet hatten. Als sie die letzte Stufe erreichte, blickte sie auf und lächelte. Das war der Moment, in dem die Menge explodierte.

Ungefähr gegen halb zwölf teilte ein Wachmann mit, dass es in dieser Nacht keine Freilassungen mehr geben würde. Wir wussten, dass unser Freund drinnen war, dass es vorwärts ging, und dass es Erleichterung gab. Wir wussten auch, dass wir jeden Tag wieder kommen würden, egal, wie lange es dauern würde.

Alles, was ich vor dem Gefängnis erlebte, war das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte. Freunde und Familien, die draußen darauf warteten, etwas über ihre Angehörigen zu erfahren, waren bei bester Laune. Sie standen in Gruppen zusammen, tauschten Informationen aus und sprachen offen über Politik. Sie erzählten ihre eigenen Geschichten, die sie bei dieser oder jener Demonstration erlebt hatten.

Ein junges Mädchen erzählte uns, dass die Basijis am 22. Bahman ihr Auto angehalten und sie durchsucht hatten. Sie fanden in ihrer Handtasche einen USB-Stick, und einer der Basijis erstattete seinem „Haj Agha“, seinem Vorgesetzten, aufgeregt darüber Bericht. Als der Haj Agha mit einem Laptop kam, schlug er ihrem Mann ins Gesicht und fragte das Mädchen, was auf dem USB-Stick sei. Das Mädchen sagte, es seien zwei Videoberichte von BBC und VOA über das Begräbnis von Ayatollah Montazeri auf dem Stick. „Ist das wahr?“ fragte Haj Agha. „Hören Sie, wenn wir Angst vor Ihnen hätten, hätte ich gesagt, dass es Familienfotos sind, oder?“ antwortete sie. Der Haj Agha fragte, ob er sich den Inhalt ansehen könne. Sie sagte, wenn er meine, dass das, was sie da täten, gesetzmäßig sei, dann hätte sie kein Problem damit. „Aber lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Was Ihre Männer getan haben, nämlich die Handtasche einer Dame zu durchsuchen, ist nicht nur illegal, sondern auch unethisch,“ sagte sie zu ihm. Haj Agha entschied sich, den USB-Stick nicht an sein Laptop anzuschließen und sagte, sie könnten weiter fahren. Außerdem bat er ihren Mann, ihm zu vergeben. Sie taten es, zögernd, aber sie sagten zu ihm, dass es eine Nation unschuldiger Menschen gebe, die ihm vielleicht nicht vergeben würden. „Sie hat mir das Leben gerettet“, fügte ihr Mann am Ende hinzu.

Einige waren schon seit geraumer Zeit hier. Ich erinnere mich an zwei Frauen Ende 40, die eine besorgte Familie mit Scherzen und Lachen trösteten. „Ich komme seit 45 Tagen jeden Abend hierher“, sagte eine von ihnen. Die andere drehte sich zu ihr um und sagte: „Schwester, ich bin schon länger hier als du, weißt du noch?“

Viele der Freigelassenen kamen am nächsten Tag wieder und warteten auf die Freilassung ihrer Freunde oder Angehörigen. Mit der Zeit wurden die Gesichter vertraut, und man lernte die Leute kennen. Die Stufen von Evin waren ein freundlicher und herzerwärmender Ort. Ich traf sogar Bekannte. Und immer begrüßten wir uns mit „Oh nein, du auch?!“

Genauso ging es den Gefangenen. In Evin wurden Freundschaften geschlossen, und ich weiß von einigen, dass sie nach ihrer Freilassung Gruppen gebildet haben, die sich einmal in der Woche treffen, um Erinnerungen auszutauschen und es sich gutgehen zu lassen. Ich sprach mit zwei jungen Männern, die mir erzählten, dass sie sich zum ersten Mal am 22. Bahman getroffen hatten, als sie mit einigen anderen zusammen vorübergehend in ein Geschäft gebracht wurden, wo sie von der Polizei geschlagen und getreten wurden, während sie auf die Transporter warteten. Sie sagten, sie hätten Glück gehabt. „In der Haftanstalt kamen immer wieder IRGC-Wachen vorbei und erzählten uns allen, wie viel Glück wir gehabt hätten, dass wir von der Polizei verhaftet wurden“, erzählte einer. „Sie sagten, wenn ihr uns in die Hände gefallen wärt, könntet ihr jetzt nicht mehr aufstehen.“

Als die beiden sich verabschiedeten, schlug der eine dem anderen auf die Schulter und sagte: „Ok Abbas, ich muss los. Bis zum nächsten Mal.“ Alle lachten.

Die Organisation und die Procedere in Evin waren zuweilen lächerlich. Einmal hörten wir von einer Frau, die gerade freigelassen worden war, dass mehrere Gefangene hinter ihr waren, die wieder zurückgebracht und für die Nacht eingesperrt wurden. Wir fragten nach dem Gund, und sie sagte: „Ihre Entlassungspapiere waren schon unterschrieben, und sie konnten gehen. Sie kamen sogar mit mir bis an die Tür, aber plötzlich brach unter den Wachen ein Streit aus, und sie wurden wieder zurückgebracht.“

„Was meinen Sie damit – zwischen den Wachen brach Streit aus?“ fragte ich.
„Es herrscht Chaos da drinnen. Einer fing an zu schreien und fragte, warum diese Leute freigelassen werden sollen. Ein anderer schrie zurück, der und der hätte das angeordnet. Dann kam der neue Richter, der gerade erst seine Schicht angetreten hatte, und sagte, sie müssten alle wieder zurück in die Zellen, bis er sich ihre Akten angesehen hat.“

Viele, die aus dem Gefängnis herauskamen, sagten, wir müssten die Frauen drinnen einmal sehen. „Sie sind Löwinnen“, sagten sie. Die Frauen seien fordernd, aggressiv und kampflustig, die Umstände machten ihnen nicht viel aus, und sie redeten und lachten so laut sie könnten. Sie machten sich sogar über die Wachen lustig und ihnen das Leben schwer. Ein Freigelassener erzählte mir, wie er mit ein paar anderen Männern still und mit gesenktem Kopf im Gang gesessen hatte. Ein Wachmann kam herein und sagte lachend zu ihnen: „Ihr solltet euch schämen, hier so zu sitzen. Geht und lernt von der Frauen, sie machen uns wahnsinnig!“

Eines Abends kam ein Gefangener heraus, der uns erzählte, dass die Frauen ihre Kopftücher sogar in Evin so nachlässig trugen, dass einer der Richter ihre Freilassung stoppte und anordnete, dass sie über Nacht in die Haftanstalt Vozara verlegt werden sollten, damit man ihnen eine Lehre erteilt. Ungefähr eine halbe Stunde später sahen wir einen Bus vorfahren, der durch das Haupttor ins Innere von Evin verschwand. Die Vorhänge waren zugezogen, und wir konnten nichts erkennen, aber wir waren sicher, dass er die Frauen abholen sollte. Eine weitere halbe Stunde später kam der Bus wieder heraus, immer noch mit zugezogenen Vorhängen. Er fuhr ein paar Meter und blieb an der Straße stehen. Vorsichtig näherten wir uns dem Bus, um zu sehen, ob wir vielleicht einen Blick ins Innere erhaschen könnten. Die armen Frauen taten uns Leid. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und winkte uns zu, wir sollten näherkommen. Wir wunderten uns ein bisschen darüber. Einige machten kehrt, als der Busfahrer rief „Kommt her, ich sage euch was. Keine Angst!“ Er erzählte uns, er habe den Auftrag gehabt, etwa fünfzig Personen nach Vozara zu bringen, aber sie hatten ihm niemanden übergeben. „Ich fahre leer zurück. Schaut selbst!“ Wir sahen durch sein Fenster – der Bus war leer. „Ich fahre leer zurück“, sagte er wieder und lächelte dabei. „Sagt allen, sie sollen sich keine Sorgen machen. Alle werden freigelassen“, sagte er und fuhr. Sein Verhalten war für einen Gefängnisbusfahrer ziemlich surreal, fand ich, aber so ist Iran eben.

Ich weiß nicht, wie viele Leute am 22. Bahman verhaftet wurden, aber nach dem zu urteilen, was die Freigelassenen sagten, müssen es Tausende gewesen sein. Einige hatten von den Wachen sogar gehört, dass die Polizei, die Revolutionsgarden und die Basijis die Anordnung erhalten hatten, jeden zu verhaften, dessen Gesicht ihnen nicht passte. Sie hatten sogar verhaftete Ahmadinejad-Anhänger in Evin gesehen.

Sie wurden in vorläufige Haftanstalten gebracht, und nachmittags wurden die Formalitäten erledigt. Für jeden Verhafteten wurde eine Akte mit relevanten Beweisstücken angelegt. An einige waren grüne Bänder angeheftet, an andere Plakate und Flyer. Großformatiges Beweismaterial wie Flaggen oder Messer wurden neben der Akte aufbewahrt.

Es gab mehrere Reihen mit Tischen, hinter denen die Befrager saßen, und jeder Verhaftete wurde schnell verhört und dann an einen Richter weitergereicht, der über die jeweilige Akte entschied. Das Ganze dauerte zwischen fünf und zehn Minuten. Dann wurden sie nach Evin gebracht, wo sie eine ähnliche Prozedur durchliefen. Sie wurden gefragt, ob sie eine E-Mail-Adresse hätten oder eine Webseite, ob sie politisch wären, ob sie im Ausland gelebt oder Verwandte in Iran hätten. Ihre Gesichter wurden mit Fotos von den Ashura-Demonstrationen verglichen, und wenn sie übereinstimmten, wurden sie weggebracht. Nach allem, was ich gehört habe, gab es zwei solcher Fälle. Die Gefangenen, die mir das erzählten, waren sich einig darüber, dass die armen Menschen kaum Ähnlichkeit mit denen auf den Fotos hatten, aber sie wurden trotzdem weggebracht.

Eine der seltsamsten Geschichten, die ich von viele Gefangenen hörte, war die über einen lustigen Fragebogen, den sie im Verhör ausfüllen mussten. Ich habe niemanden getroffen, der auch nur eine Frage falsch beantwortete. Einige der Fragen lauteten:

Für wen haben Sie bei der Wahl gestimmt?
a) Ahmadinejad c) Moussavi d) Karroubi e) Rezai

Glauben Sie, dass es Wahlbetrug gegeben hat?
a) Ja b) Nein

Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für die Aufstände?
a) Der oberste Führer b) Ahmadinejad c) Moussavi d) Karroubi e) Provokateure

Wer würde Ihrer Meinung nach gewinnen, wenn die Wahl wiederholt wird?
a) Ahmadinejad c) Moussavi d) Karroubi e) Rezai

Wer ist Schuld daran, dass Sie hier sind?
a) Moussavi b) Ahmadinejad c) Ich d) Das Regime.

Wieviele Anhänger hat die grüne Bewegung Ihrer Meinung nach?
a) 20.000 b) 50,000 c) 100.000 d) 150.000

Viele der Häftlinge, mit denen ich sprach, glauben, dass die meisten Richter und Wachen, die ihnen in der Haft begegneten, grün waren. Sie konnten es nur nicht zeigen. „Man merkte es daran, wie sie einen ansahen“, sagten sie. Einer erzählte mir, dass er sah, wie ein Richter Beweismaterial für einen der Fälle wegwarf. Wir sprachen mit einem Mädchen, das mit einem Stapel grüner T-Shirts verhaftet worden war und fest damit rechnete, lange in Evin bleiben zumüssen. Sie wurde freigelassen, weil der Richter die T-Shirts weggeworfen hatte. Ein Mann war mit einem Plakat von Karroubi verhaftet worden. Der Richter hatte einen Blick darauf geworfen, es zerknüllt und in einen Mülleimer geworfen mit den Worten: „Das brauchen wir nicht“.

Einige berichteten, dass die Richter und Gefängniswärter müde und verärgert waren. Sie mussten wegen lächerlicher Anlässe doppelte Schichten leisten, und das passte ihnen nicht. Ein Gefangener erzählte uns, dass einige Wachleute sie gebeten hatten, nicht mehr auf die Straße zu gehen.

Ein Mann, der an Ashura verhaftet worden war, erzählte mir, dass die Polizei offensichtlich sehr darauf achtete, bei der Bearbeitung der Fälle das Gesetz zu beachten. Die Gefangenen wurden ca. 24 Stunden lang in einer vorläufigen Haftanstalt festgehalten, dann mussten sie ein Formular unterschreiben, das die Behörden ermächtigte, sie nach Evin zu bringen und dort dreißig Tage lang festzuhalten. Als ich fragte, warum er unterschrieben habe, sagte er, die Bedingungen in der Haftanstalt seien so schlecht gewesen, dass die meisten keine weitere Nacht dort verbringen wollten. Sie hatten das Gefühl, sie könnten einfach verschwinden und niemand würde jemals etwas über ihr Schicksal erfahren, also sei es besser, etwas zu unterschreiben und in Evin registriert zu werden, dann gebe es wenigstens einen Nachweis ihrer Inhaftierung.

Schließlich und endlich erwies sich einer der Leute, die nach draußen kamen, als mein Freund. Als er herauskam, blinzelte er und musste sich an das Licht gewöhnen, genau wie alle anderen. Wir umarmten uns, ich vergoss ein paar Tränen, er beantwortete die Fragen der Leute, und dann brachten wir ihn zum Auto. Auf dem Weg nach draußen hatte ein Wachmann ihm gesagt, er müsse aufpassen, sein Telefon würde vierzig Tage lang überwacht werden.

Während mein Freund Fragen beantwortete, fragte uns ein junger Mann – vielleicht 18 oder 19 Jahre alt – der ebenfalls freigelassen worden war, ob wir ihm ein Telefon ausleihen könnten, damit er seine Familie anrufen könne. Wir gaben ihm eins. Niemand nahm ab. Er kannte sich nicht aus in der Gegend und fragte mich, wo er ein Taxi finden könne. „Hier in der Nähe gibt es keine Taxis, aber ich kann dich zu einem Taxi fahren“, sagte ich.

„Aber du hast gar kein Geld. Wo musst du denn hin?“ fragte ich ihn.
„Nach Varamin.“
„Das ist ja außerhalb von Teheran. Ich kann dich hinfahren.“
„Nein, ist schon in Ordnung, ich kann auch die Metro nehmen, das geht schon.“
„Kein Problem. Lass uns fahren.“

Bis zur Metro-Station war es weit, und im Auto fragte ich ihn nach seiner Geschichte. Er war in der Nähe von Sadeghiyeh verhaftet worden, und er hatte ein Messer bei sich gehabt.

„Was für ein Messer?“ fragte ich.
„Ein großes. In dem Raum mit den Beweismitteln fragten alle, die es sahen, wem es gehört, und ich musste meine Hand heben. Sie nickten alle und sagten, ich hätte ein Problem, das so groß ist wie das Messer.“
„Das Tragen eines Messers und das Tragen eines Armbands haben also in unserem Justizsystem das gleiche Gewicht.“
„Ich bin viel geschlagen worden, und ich dachte, sie lassen mich nicht raus, aber irgendwie haben sie es doch getan.“

Als wir an der Metro-Station ankamen, gaben wir ihm etwas Geld, damit er seine Fahrt nach Hause bezahlen konnte. Er bedankte sich bei allen und sagte, er schäme sich, das Geld anzunehmen. Ich stieg aus und umarmte ihn.

„Sei in Zukunft vorsichtiger… und nimm nie wieder eine Waffe mit. Dieses Mal hattest du Glück. Denk daran: Friedlich bleiben.“

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Leseempfehlung: Ein Ort namens Evin von Fariba Amini.

“Busted” – Ein Augenzeugenbericht über den 22. Bahman

Veröffentlicht auf Persianumpires Blog am 20. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2010/03/20/busted/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Habt ihr euch jemals durch eine Armee von Wargen, Easterlings, Goblins, Trollen, Orks und ihren Verwandten, den Uruk-Hai, bewegt? Genau so haben wir den 22. Bahman erlebt. Ohne viel Aufhebens zu machen, passierten wir Legionen von regierungstreuen Schlägern, die knurrten, grunzten und geiferten, bis sie nach kurzer Zeit einen von uns verhafteten und wir uns aufteilen mussten. Es gab keinen Kampf, keine Demonstration, auch kein Anzeichen eines Festes – es war nur ein kurzer Ausflug ins Feld.

Als wir früh morgens nach draußen kamen, waren die Straßen so leer, dass es unheimlich war. So leer ist Teheran nicht einmal währed der Neujahrsferien – es war ein Zeichen, das uns sehr beunruhigte. Weil die Erwartungen an den 22. Bahman so hochgeschraubt worden waren, wussten wir, dass auf den Straßen Hochbetrieb herrschen müsste, wenn wirklich so viele Menschen auftauchen sollten wie erwartet. Es war nicht so.

Was uns wirklich beunruhigte war nicht nur die Tatsache, dass keine Autos fuhren. Es waren überhaupt keine Autos zu sehen, nicht einmal parkende. Offenbar hatten die Leute also nicht beschlossen, einfach im Bett zu bleiben und die Demonstration zu vergessen – sie schienen die Stadt verlassen zu haben. Teheran war eine Geisterstadt, aber wir dachten, wir wären vielleicht zu spät, und es hätte schon angefangen.

Wir fuhren Richtung Enghelab Avenue, und auch als wir näher kamen, waren auf den Straßen keine Menschen und Autos zu sehen. Dafür nahm die Dichte des Sicherheitsaufgebotes zu. Erst sahen wir sie nur auf den Plätzen, dann an jeder Kreuzung, und irgendwann waren sie in jeder Straße, in immer größerer Zahl. Egal. Wir würden nach Enghelab fahren und dort aussteigen und zu Fuß gehen.

Wir parkten in einer Straße irgendwo nördlich von Enghelab und etwas weiter östlich der Sharif-Universität, stiegen aus und gingen nach Süden. Als wir an der Hauptstraße ankamen, wurde uns klar, dass der Tag verloren war. Auf den Gehwegen – zum Teil sogar zu beiden Seiten der Gehwege – standen die Sicherheitskräfte in einer Reihe, die sich endlos in beide Richtungen erstreckte. Es waren alle möglichen Sicherheitskräfte vertreten – IRGC, Anti-Aufruhr-Einheiten, Polizei, Basijis, Zivilpolizisten, Kameraleute, Schläger, Begaser, Paintballer und fies dreinblickende Zuschauer. Und wir waren noch nicht einmal an der Enghelab-Avenue angekommen.

Unter normalen Umständen ist es die Bevölkerung, die an den Straßenrändern steht und der Parade der Bewaffneten ihres Landes zusieht. Am 22. Bahman war es umgekehrt. Wir schauten uns um und versuchten, irgendetwas Grünes in der Nähe auszumachen, und obwohl sich niemand traute, irgendwas zu zeigen, was auch nur annähernd grün war, wussten wir, dass sie da waren. In der Tat waren alle, mit Ausnahme von Saurons Armee und den wenigen flaggenschwenkenden, schlafwandelnden regierungstreuen Familien, grün. Wir trafen sogar einige Freunde und Bekannte auf dem Weg. Natürlich wagten wir es nicht, stehen zu bleiben und einander mit überschwänglichen Emotionen zu begrüßen, wie wir es in Iran normalerweise tun. Wir begnügten uns damit, im Weitergehen miteinander zu flüstern und einander zu fragen, was los war.

Die Versuchung, den Ort sofort wieder zu verlassen, war groß. Aber wir beschlossen, noch etwas weiterzugehen und vielleicht Richtung Süden nach Enghelab zu gelangen. Außerdem wäre Umkehren verdächtig und gefährlich gewesen und war daher keine Option. Wir mussten mindestens bis zur nächsten Kreuzung und dann um den Block gehen, wenn wir zurück zum Auto wollten.

Wir passierten eine Kreuzung und beschlossen, weiterzugehen und zu versuchen, zur Enghelab-Avenue durchzukommen. Wir gingen weiter und kamen an eine Stelle, wo eine Gruppe von etwa zwanzig Polizisten stand, neben ihnen zwei Transporter am Straßenrand. Als wir an ihnen vorbeigehen wollten, hielten sie uns an, einer befahl, uns zu durchsuchen.

Ein sehr naher Freund – eigentlich ein Bruder – war zuerst an der Reihe. Ich stand hinter ihm und wartete, bis ich dran war. Der Beamte tastete ihn ab und leerte dann seine Taschen aus. Erst kam sein Portemonnaie zum Vorschein, dann sein Handy und ein Schlüsselbund, und endlich, aus einer Seitentasche seiner Jacke, ein dünnes grünes Armband.

Der Beamte befahl sofort, meinen Freund festzunehmen. Ich erstarrte. Während sie meinen Freund in den Transporter brachten, konnte ich nur dabeistehen und zusehen, mit tausend Gedanken im Kopf. Sollte ich etwas tun? Vielleicht darum bitten, ihn laufen zu lassen. Nur dieses eine Mal, bitte. Er wird es nie wieder tun, ich schwöre. Konnte ich etwas tun? Wenn sie mich mit ihm in Verbindung bringen würden, würden sie mich sofort verhaften, ohne sich lange mit einer Durchsuchung aufzuhalten. Oh nein, die Durchsuchung…

Ich sah mich um. Die Polizisten waren mit meinem Freund beschäftigt, durchsuchten Leute oder hielten Ausschau nach anderen, die sie durchsuchen konnten. Sie schienen mich vergessen zu haben. Ich musste eine schnelle Entscheidung treffen. Ich ging los. Niemand rief, und ich ging weiter.
Etwas später fand ich die anderen wieder. Noch jemand fehlte. „Haben sie ihn auch verhaftet?“ fragte ich. „Nein, sie haben ihn nicht einmal durchsucht. Er hat sich irgendwo abgeseilt und ist verschwunden.“ Als wir ihn wiederfanden, erzählte er uns, er sei in eine Seitenstraße gegangen und habe seine Tasche mit Gesichtsmasken und seiner gesamten grünen Ausrüstung weggeworfen.

Es war Zeit, zu verschwinden und unseren Plan umzusetzen, den wir für den Fall einer Verhaftung gemacht hatten. Also gingen wir zurück zum Auto. Vor einer Demonstration müssen wir unser Leben von all den belastenden Beweisen reinigen, die uns im Fall einer Verhaftung an den Galgen bringen können, also jede Art von schädlicher Musik und schädlichen Filmen, Computer, gefährliche Bücher und jede Form von Kunst, die für das Begriffsvermögen von Neandertalern zu komplex ist. Wenn wir vor einer Demonstration nicht genug Zeit zum Aufräumen haben, was dieses Mal bei unserem Freund der Fall gewesen war, lassen wir unseren Schlüssel bei jemandem, der nicht mit zur Demonstration geht.

Wir funktionierten wie ein Uhrwerk. Wir teilten uns in zwei Gruppen, holten die Schlüssel, räumten seine Wohnung und sein Büro auf, brachten all sein schändliches Eigentum weg, riefen seinen Vater an, um ihn zu informieren, und nach drei Stunden waren wir fertig.

Wir hatten zu viel erwartet vom 22. Bahman, und wir hatten die Zahl der Sicherheitskräfte unterschätzt, die die Regierung in Teheran aufbieten würde. Die Strategie des Regimes bestand darin, jede Form der Demonstration durch eine riesige Machtdemonstration und nahezu wahllose Verhaftungen zu unterbinden. Ich kann nicht sagen, wie viele am 22. Bahman verhaftet wurden, aber wir sahen mehr Verhaftungen als bei anderen Demonstrationen.

Glücklicherweise gab es – mit Ausnahme von Sadeghiyeh – nicht die Gewaltausbrüche auf Teherans Straßen, die viele erwartet hatten. Die Grünen blieben friedlich, aber sie waren enttäuscht. Es waren sehr viele Grüne da. Vielleicht nicht die erwarteten 3 Millionen, aber es waren viele dort draußen. Die meisten kamen und gingen wieder, als sie das Sicherheitsaufgebot sahen, andere, so wie wir auch, mussten wieder gehen, nachdem Mitglieder ihrer Gruppe verhaftet wurden.

Die größte Überraschung für mich war, wie wenig Regierungsanhänger gekommen waren. Der 22. Bahman hätte ihr Tag werden können. Sie hatten die volle Unterstützung und den Schutz der Sicherheitskräfte, und die Regierung hatte Menschen aus den Provinzen nach Teheran bringen lassen, um mehr Unterstützer zu haben. Darum hatten wir damit gerechnet, dass es zu einer Konfrontation zwischen riesigen Armeen von Regierungstreuen und Oppositionellen kommen würde. Stattdessen sahen wir nur kleine, verstreute Gruppen von Regierungsanhängern inmitten der Grünen, die langsam in Richtung Enghelab Avenue tröpfelten, mit Bildern des obersten Führers oder Ahmadinejads in den Händen. Es waren nicht einmal so viele wie am Qods-Tag.

Als nächstes mussten wir herausfinden, wo unser Freund war. Darüber muss ich einen gesonderten Artikel schreiben, damit dieser nicht zu lang wird.

Fortsetzung: Die Stufen von Evin

Ashura, blutiges Ashura

Veröffentlicht auf Persian Umpires Blog am 18. Januar 2010
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2010/01/18/ashura-bloody-ashura/
Deutsche Übersetzung: Julia

Es geht nichts über den Geruch von Tränengas am Morgen. Heute, als uns gegen 10:30 Uhr der erste Hauch von Tränengas in die Nase stieg, hatte sich auf der Enghelab-Avenue bereits eine angespannte Atmosphäre breitgemacht. Nach den Zahlen zu urteilen, wussten wir aber, dass es werden könnte wie am 25. Khordad (15. Juni, d. Übers.), wenn es den Menschen gelingen würde, sich am Enghelab-Platz zu versammeln und zu marschieren.

Vier Stunden später, als ich allein und krank vor Sorge den Schauplatz wieder verließ, sah es so aus, als sei dies ein Tag wie kein anderer in den letzten sechs Monaten. Ich bin müde und kann nicht zusammenhängend denken, aber lasst mich mit dem Vorabend von Ashura beginnen.

Samstag – Tasoua

Ein Freund und ich beschlossen, abends die Niavaran Avenue entlang zu gehen. Wir hatten nicht vor, nach Jamaran zu gehen, wo Khatami eine Rede hielt, denn es war bereits 18:30 Uhr und zu spät dafür, aber wir wollten trotzdem sehen, wie viele Leute dort sein würden. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen, und es wurde hier und da gehupt, als wir bei der Polizeiwache in Niavaran gegenüber Jamshidiyeh ankamen. Eine Menschenmenge bewegte sich Richtung Niavaran und rief  „Allah-o Akbar“. Ein paar Menschen beobachteten den Zug von den Gehwegen aus, und auch wir blieben stehen. Ein Mann mit einem kleinen Jungen an der Hand fragte mich in Isfahaner Akzent: „Was ist los? Warum ist hier eine Demonstration?“ Ich erzählte ihm dass Khatami in Jamaran war.

Als wir an der Jamaran-Straße vorbeikamen, hatte die Polizei bereits die Zufahrten gesperrt und leitete den Verkehr um. Jamaran war auf ganzer Länge gepackt voll mit Autos, so weit das Auge reichte, und die Polizei ließ niemanden mehr durch. Wir kehrten um.

Auf halbem Wege zwischen Jamaran und Jamshidiyeh sahen wir, dass die Menschenmenge, die wir vorher schon gesehen hatten, angewachsen war und sich die Niavaran-Straße entlang auf uns zu bewegte. Sie riefen Parolen. Viele Leute kamen aus ihren Häusern, um zuzuschauen, und wir blieben auf dem Gehweg stehen. Wir überlegten, ob wir uns der Prozession anschließen sollten oder nicht. Mein Freund hatte kein gutes Gefühl und war dagegen.

Einige Minuten später beendete der erste Schuss Tränengas unsere Diskussion. Wir fassten sofort den Entschluss, uns der Menschenmenge bei ihrer Flucht anzuschließen. Während wir liefen, feuerten die Sicherheitskräfte weiter Tränengas, jedes Mal ein Stückchen näher. Irgendjemand öffnete sein Garagentor, und einige Leute liefen hinein. Wir liefen weiter entlang Niavaran, als eine Tränengasladung direkt vor uns landete. Wir hatten keine Zeit, die Richtung zu wechseln. Wir sprangen über den Kanister, mitten durch die Wolke, und landeten auf der anderen Seite. Ich rannte weiter, aber ich konnte nicht mehr atmen. Ich schnappte nach Luft. Meine Kehle war verschlossen. Ich blieb stehen und stellte mir vor, wie ich auf dem Gehweg liege. Ich holte noch einmal Luft, es brachte nichts. Ich dachte an meinen armen Freund, der absolut dagegen gewesen war, hierher zu kommen und der mich jetzt hier wegschaffen müsste. Wegen mir würde er langsamer vorwärtskommen. Wir würden verhaftet werden. Ich versuchte noch einmal, einzuatmen, diesmal kam die Luft durch. Ich fing an zu laufen.

Ein Stück weiter sah ich den Mann aus Isfahan mit seinem Kind laufen. Ein Typ hinter mir schrie den Mann an „Warum haben Sie den Jungen hierher gebracht?“ Der Isfahaner rief zurück: „Konnte ich wissen, dass es hier so zugeht?“

Eine halbe Stunde später waren wir außerhalb der Gefahrenzone. Wir bahnten uns den Weg durch die Seitenstraßen von Niavaran nach Hause und mussten die ganze Zeit würgen. Ich nahm eine Tablette gegen die gräßlichen Kopfschmerzen, die danach einsetzten, und das war’s.

Ashura

10:15 Uhr
Ich machte mich mit einigen meiner engsten und liebsten Freunde zusammen auf den Weg zur Enghelab-Straße. Wir waren zu fünft. Die Menschen bewegten sich auf den Gehsteigen westwärts, und man hörte ein paar Parolen und sah einige V-Zeichen, aber Sicherheitskräfte und Anti-Aufruhr-Einheiten waren hordenweise vertreten.

10:30 Uhr
Als wir an der Ecke Hafez/Enghelab ankamen, tauchte die erste Spezialeinheiten-Bande auf Motorrädern auf und feuerte Tränengas ab, um die Menschen auseinanderzutreiben. Wir liefen die Hafez-Straße entlang und wandten uns dann nach Westen Richtung Vali-Asr. Es war klar, dass die Sicherheitskräfte die Menschen von der Enghelab-Avenue fernhalten wollten, aber allein die Menge der Menschen, die immer noch dort eintrafen, gab uns Hoffnung, dass es möglich sein würde, Enghelab zu übernehmen.

Eine riesige Menschenmenge hatte sich auf  Vali-Asr versammelt und rief Parolen. Ich sah von Norden mehr Menschen auf uns zu kommen. Die Parolenrufe dauerten etwa 1o Minuten, bis ein Trupp Anti-Aufruhr-Polizisten auf Motorrädern von Süden auftauchte und wieder anfing, mit Tränengas zu schießen.

Wir rannten Vali-Asr hinauf und setzten uns auf den Gehweg, zündeten ein paar Zigaretten an und warteten, bis die Wirkung des Tränengases nachließ. Die Menschemenge bewegte sich zurück in Richtung der Kreuzung, wieder wurden Parolen gerufen.

Das Spiel hatte begonnen. Regierungstreue Kräfte trieben die Menschenmenge mit Tränengas und Schlägen auseinander, aber sobald sie verschwunden waren, kamen die Leute wieder zurück und übernahmen die Kreuzungen.

11:00 Uhr
Wir gingen zur Ecke Taleghani/Vali-Asr. Die Leute errichteten Straßensperren mit Sandsäcken, die in der ganzen Stadt in Containern gelagert werden für den Fall, dass es schneit. Dieses Jahr schneit es nicht, aber die Sandsäcke kommen auch im Krieg sehr gelegen.  Nach einer kurzen Runde mit Parolenrufen gab es wieder eine Portion Tränengas für jeden. Wir rannten Vali-Asr hinauf. Ein Mann saß auf dem Gehweg, umringt von ein paar Menschen. Jemand sagte, dass ihm ins Bein geschossen worden war. Ich erhaschte einen kurzen Blick.

Ich erinnere mich, dass wir dann wieder auf dem Gehweg saßen und uns vom Tränengas erholten, als ein paar Motorradfahrer aufkreuzten und anfingen, die Leute zu schlagen. Sie fuhren an uns vorbei und drehten dann um.  Eines der letzten Motorräder hielt etwa 1o Meter vor uns an, und der Mensch, der hinten drauf saß, zog seine Tränengaspistole, zielte damit auf uns und fragte: „Soll ich euch erschießen?“ Meine einzige Reaktion war, ihn anzuschauen. Nachdem er dieselbe Frage ein paar Mal wiederholt hatte, fuhren sie davon.

Wir standen auf und gingen die Taleghani entlang Richtung Hafez Avenue. Mittlerweile war überall Rauch von Tränengas und brennenden Müllcontainern. An jeder Kreuzung wurde gekämpft, Basijis und Anti-Aufruhr-Einheiten griffen an und trieben die Leute zurück, und wenige Minuten später stürmten die Leute wieder heran und übernahmen die Kreuzung wieder. Manchmal sahen wir dicke schwarze Rauchwolken aufsteigen und wussten, dass es brennende Motorräder von Basijis und Polizei waren, die angezündet worden waren.

Wir gingen wieder zurück zur Hafez-Avenue, trafen einige Freunde, und alle waren sich einig, dass es Zeit war, zum Auto zurückzukehren und die Gegend zu verlassen.

Als wir wieder beim Auto ankamen, hatte es keinen Sinn, einzusteigen, denn eine riesige Menschenmenge überflutete die Straße und bewegte sich westwärts. Die vielen einzelnen Gruppen schienen sich endlich zusammengefunden zu haben. Wir schlossen uns an, marschierten und riefen Parolen.

Auf der Hafez-Avenue wandten wir uns nach Norden und bogen dann nach Westen auf die Taleghani ab. Der Plan schien zu sein, dass wir nach Westen parallel zur Enghelab-Avenue weitergehen, aber an der Kreuzung Taleghani und Vali-Asr tauchte ein großer Trupp Sicherheitskräfte auf, und eine Kampffront entstand. Die Sicherheitskräfte begannen, Tränengas in die Menge zu feuern, und die, die ganz vorn standen, nahmen die Patronen und schleuderten sie zurück. Die Menge bewegte sich langsam wieder zurück Richtung Hafez, es war viel zu voll, um zu laufen. Der Wind half uns, er kam aus Osten und blies das Tränengas in Richtung der Anti-Aufruhr-Kräfte, also konnten wir uns Zeit lassen.

Zentimeterweise bewegten wir uns zurück Richtung Hafez, als plötzlich Spezialeinheiten auf der Brücke auftauchten und begannen, Steine auf uns herunterzuwerfen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dort verletzt wurden. Wir saßen nun fest zwischen Tränengas im Westen und fliegenden Steinen im Osten, also blieben alle stehen und suchten Deckung. Ein paar Leute an der Ostfront hoben die Steine auf und warfen sie zurück auf die Brücke, um die Polizisten vom Brückenrand zurückzudrängen. Irgendwann hörte die Steinewerferei kurz auf, die Polizisten zogen sich zurück, und wir beschlossen, zur Brücke zu laufen und darunter Deckung zu suchen.  In dem Durcheinander wurden eine Freundin und ich von den anderen aus unserer Gruppe getrennt.

Als wir unter der Brücke angekommen waren, bemerkte ich, dass die Menschen die Nordseite der Brücke mit brennenden Müllcontainern und Schutt blockiert hatten. Etwas weiter oberhalb auf der Hafez-Avenue sah ich zwei Feuerwehrautos, die in der Menge feststeckten. Offenbar hatten die Grünen eines davon gekapert, denn irgendjemand rief „Ya Hossein“ durch den Lautsprecher des Wagens, und die Menge antwortete mit „Mir Hossein“. Einige versuchten, in den anderen Wagen einzudringen, als der Fahrer durch den Lautsprecher sagte: „Wir sind Feuerwehrleute… bitte… wir sind auf eurer Seite“. Aber die Leute hörten nicht auf, den Wagen zu schaukeln und hinaufzuklettern. Irgendwann sagte der Fahrer: „Ok… ok… Tod dem Diktator… Tod dem Diktator“, was mit wilden Jubelrufen aus allen Richtungen beantwortet wurde.

12:30 Uhr
Wir rannten in die Taleghani-Straße und versuchten, zum Auto zurückzukommen in der Hoffnung, dass die anderen dasselbe tun würden. An jeder Kreuzung war Krieg, und wir mussten uns überall vor Schlagstöcken, Ketten und Steinen in Sicherheit bringen, so dass es fast egal war, welche Richtung wir einschlugen. Als wir auf der Nejatollahi-Straße südwärts liefen, sahen wir eine Truppe Basijis auf ihren Motorrädern herankommen. Einer von ihnen schwenkte ein Gewehr über seinem Kopf und brüllte. Es war an der Zeit, wegzulaufen.

Endlich kamen wir in die Nähe des Autos. Wir waren etwa 50 Meter davon entfernt, als eine Gruppe Basijis von vorn angriff, und wir mussten in einer engen Straße Zuflucht suchen. Als wir zurückkamen, waren die Schlägertypen verschwunden. Ich bat meine Freundin, eine Minute auf mich zu warten, während ich nachschauen ging, ob die anderen aus unserer Gruppe schon angekommen waren. Dann kam ein neuer Angriff von vorn. Ich lief zurück und sah, dass noch mehr Basijis aus eben der Straße gelaufen kamen, wo meine Freundin und ich gerade eben gestanden hatten. In dem Chaos, das folgte, verlor ich sie.

Ich beschloss, auf dem Gehweg etwas zu warten und zu schauen, ob ich sie sehen würde. Drei alte Frauen in schwarzen Tschadors und ein alter Mann saßen auf einem Absatz auf dem Gehweg, und ich setzte mich neben sie. Ein paar Sekunden später griff ein Trupp Basijis einen braunen Peugeot mit Knüppeln an. Sie zerschlugen ihn vor unseren Augen in tausend Stücke. Vier Personen saßen in dem Auto. Einer der Basijis erblickte uns auf dem Gehweg und rannte auf uns zu. Er blieb stehen, drehte sich um und schrie den anderen zu, sie sollten kommen und uns holen. Ich sagte zu dem Mann und den Frauen neben mir, dass es  Zeit wäre zu gehen. Sie standen auf, und eine der Frauen sagte „Wir können aber nicht laufen“. Ich sagte, es sei ohnehin besser, nicht zu laufen, da die Basijis einen eher ignorieren, wenn man geht. Sie mögen es, wenn ihre Beute davonläuft. Inmitten dieses Tollhauses gingen wir zusammen davon und verschwanden in den Seitenstraßen.

13:30 Uhr
Jetzt war ich allein und in großer Sorge um die anderen. Wir haben eine Regel für Tage wie diesen. Wann immer man voneinander getrennt wird, zieht man sich zurück, sucht einen stillen Platz, und versucht, nach Hause oder an einen sicheren Ort zu kommen. Ich tat genau das und hoffte, dass auch alle anderen das getan hatten.  Auf meinem Weg und überall, wo ich hinsah, begegneten mir Trupps von entfesselten Basijis, die Ketten und Knüppel schwangen. Aber endlich schaffte ich es, durch die Seitenstraßen zum Haft-e Tir-Platz zu kommen.

Ich ging nordwärts, an den Basijis und IRGC-Garden vorbei, die auf dem ungewöhnlich ruhigen Haft-e Tir-Platz stationiert waren, und wartete auf ein Taxi. Es gab keine Taxis auf dem Platz, und nachdem ich ein bisschen gewartet und mich mit Leuten unterhalten hatte, die auch dort standen, hielt ein Mann an und fuhr uns den Modarres-Freeway hinauf.

„Waren Sie heute in der Kriegszone?“ fragte der Fahrer mich.
„Ja, und Sie?“
„Ja. Es war die Hölle, die Polizei hat die Leute heute mit Autos gejagt“.
„Gejagt?“
„Sie haben versucht, sie zu überfahren. Vorhin noch bin ich hier auf  Karim Khan um mein Leben gerannt.“

Gegen 14:30 Uhr fand ich mich im Haus eines Freundes wieder. Mobiltelefone funktionierten nicht, und der Rest des Nachmittags ging dafür drauf, mit Tränen in den Augen darauf zu warten, dass die anderen aus der Gruppe sich meldeten. Allen ging es gut.

* * *

Am 13. Aban habe ich geschrieben, dass ich noch nie in meinem Leben so viel Gewalt mit angesehen habe. Dasselbe gilt für Ashura. Der Unterschied ist, dass an Ashura die Sicherheitskräfte ihrerseits den Zorn der Menschen zu spüren bekamen. Ich habe in meiner Geschichte nicht jeden Stein erwähnt, der einen Kopf getroffen hat, nicht jeden Schlagstock, der auf einen Knochen traf. Es waren einfach zu viele, und an Tagen wie diesen erinnere ich mich in der Regel ohnehin nur schlaglichtartig an die Ereingisse. Aber in dem Gebiet herrschte Krieg.

Es war klar, dass die Sicherheitskräfte jede Kontrolle über die Situation verloren und sich auf überfallartige Angriffe verlegt hatten. Sie attackierten die Menschenmengen mit Schlagstöcken und Tränengas und zogen sich dann schnell zurück. Es gab fast keine Versuche, die Menschenmengen zu kontrollieren oder Terrain gutzumachen. Darum griffen sie vermehrt auf Einschüchterungstaktiken zurück, wie zum Beispiel Autos zertrümmern und mit Schusswaffen herumfuchteln, damit die Leute einfach abziehen. Aber die Leute kamen immer wieder zurück, mit Stöcken und mit Steinen.

Ich bin noch immer der Meinung, dass Gewalt für die grüne Bewegung langfristig schädlich ist, aber heute war sie möglicherweise ein notwendiges Übel angesichts eines Regimes, dass seinem Volk keinen Ausweg lässt. Die Gewalt seitens der Bevölkerung war kontrolliert und gezielt. Hätten sie sich dazu entschlossen, zu randalieren, würde das Zentrum von Teheran möglicherweise jetzt in Schutt und Asche liegen. Dort, wo ich war, war keine einzige Tankstelle bewacht. Ashura war lediglich ein Klaps auf die Hand des Regimes.

Wenn Ashura dem Regime nicht die Augen für die Tatsache öffnen konnte, dass die Menschen es Leid sind, als Prügelknaben herzuhalten, dann wird wohl erst die Hölle losbrechen müssen, bevor das Regime das versteht. Außerdem sollte Ashura den Söldnern einen kleinen Hinweis darauf geben, dass das Geld, dass sie dafür bekommen, dass sie die Menschen auf den Straßen zusammenschlagen, es beim nächsten Mal nicht wert sein könnte. Ich kann mir vorstellen, dass es heute auch in ihren Reihen viele Verletzte gab, aber natürlich wird das Regime das nicht öffentlich sagen.

Eben jetzt erinnere ich mich an eine der seltsamsten Szenen von heute. Es war auf der Somayyeh-Avenue in der Nähe von Hafez. Mitten in Rauch und Geschrei, als die Menschen in alle Richtungen rannten und die Steine in nicht einmal 30 Meter Entfernung durch die Luft flogen, kamen wir an einem alten Paar vorbei.  Der Mann war bestimmt in den Siebzigern, groß, und blind. Die Frau war in einen schwarzen Tschador gehüllt. Sie standen auf einem grünen Gebetsteppich, die Schuhe waren ordentlich auf dem Gehweg abgestellt. Wie zwei Geister, die nicht mehr unter uns weilen, beteten sie; vielleicht dafür, dass dieser Krieg eines Tages zu Ende geht.

(Verspäteter Eintrag wegen nicht vorhandener „ordentlicher“ Internetverbindung.)

Doch.

Veröffentlicht auf Persian Umpires Blog am 15. Dezember 2009
Quelle (Englisch): http://www.persianumpire.com/2009/12/15/it-will/
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Es ist lange her, und ich würde die Gründe dafür gern ignorieren und lieber direkt mit einem verspäteten Posting über den 16. Azar weitermachen.

Gegen 16 Uhr starteten wir auf der Suche nach Action zu einem Streifzug um die Teheran-Universität, aber die Demonstrationen waren auf den Campus der Universitäten beschränkt. Die Atmosphäre war angespannt, als ob der Staub nach einem Kampf sich gerade erst gelegt hätte, und wir wussten, dass es in der Gegend hier und da einige Geplänkel gegeben hatte. Offenbar war es uns gelungen, sie alle zu verpassen. Letztlich blieb unsere Rolle darauf beschränkt, zum Verkehrsstau beizutragen und sehr, sehr lange bewegungslos im Auto zu sitzen, zu rauchen, zu hupen, zu fluchen und gelegentlich Basijis auf Motorrädern den Weg zu versperren. Von Zeit zu Zeit sahen wir Busse auf der Enghelab Avenue vorbeifahren, vollgepackt mit Menschen, die Parolen schrieen und in der Dunkelheit verschwanden.

Die Leute waren nicht so zahlreich gekommen wie bei anderen Demonstrationen, was hauptsächlich daran lag, dass der 16. Azar als „Studentensache“ angesehen wurde und dass die meisten, die gekommen waren, so wie wir in ihren Autos festsaßen. Wir hatten keine andere Wahl. An jeder Kreuzung in der Gegend um die Teheran-Universität gab es unzählige Sicherheitsleute, die neben ihren Transportern und Bussen standen.

Aber ihr wisst das alles schon. Ihr wisst auch, dass die Demonstrationen am 16. Azar innerhalb der Universitäten intensiv waren, und ihr wisst auch, dass sie noch nicht richtig vorbei sind. Also lasst mich euch von dem bisschen Action erzählen, in dessen Genuss wir schließlich kamen: Ein Wortgefecht in einer Bäckerei.

Gegen 18 Uhr sahen wir in einer Seitengasse abseits der Enghelab Avenue eine Sangak-Bäckerei (Sangak = ein bestimmtes Brot, das auf heißen Steinen gebacken wird, d. Übers.) und fanden, es wäre doch schön, etwas heißes Sangak zu bekommen. Als wir in der Schlange standen, fragte mein Freund, der sich über die ausgebliebene Großdemonstration mehr ärgerte als ich, den Bäcker:

“Also, wieviel kostet ein Sangak heutzutage?“
“Fünfhundert Toman (ca. 50 Cent).”
“Ahh… so ist das. Dann müssen wir noch ein bisschen warten.”
“Worauf?”
“Darauf, dass Brot zweitausend Toman kostet. Darauf, dass das Messer auf den Knochen trifft (ein Ausdruck für extreme Not). Dann werden wieder alle auf die Straße gehen, nicht nur die Studenten.“

Eine Frau hinter uns lief rot and und fing an zu schreien:
“Was meinst du? Das Messer hat schon den Knochen getroffen. Fünfhundert ist eine Menge Geld für Brot! Mancherorts muss man schon eintausend dafür bezahlen.“
“Es kommen aber nicht genug Leute zu den Demonstrationen. Heute sind nur Studenten da.“
“Ich bin gekommen. Ich wollte demonstrieren. Habt ihr gesehen, wieviele Sicherheitskräfte da draußen waren?”

Hier schaltete sich ein Mann Anfang sechzig mit akkuratem Spitzbart ein, der weiter hinten in der Schlange stand:
„Ihr verschwendet eure Zeit. Nichts wird sich ändern.“
“Warum nicht?”
“So ist das in diesem Land. Sie werden an der Macht bleiben, und das Volk kann nichts machen.”
“Genau wie Sie sagen. Sehen Sie sich dieses Land an. Alle dreißig, vierzig Jahre gibt es große Veränderungen. Oder nicht?“
“Nicht bevor jemand da draußen Veränderungen will. Nur dann kommen Veränderungen. Ihr könnt nach Hause gehen und eure Energie aufsparen.“
“Was meinen Sie?”
“Solange Amerika und Großbritannien hier nichts verändern wollen, wird nichts passieren.“
“Ach kommen Sie… das ist lächerlich.”
“Nein, ist es nicht. Man muss sich nur die Geschichte ansehen.”
“Also gut, dann bleiben Sie abseits stehen und vergessen Sie es. Aber sagen Sie nicht, es wird sich nichts ändern.“
“Es wird sich nichts ändern.”

Etliche ähnliche Erklärungen dieses Herren später wurde die Auseinandersetzung heftiger, die Stimmen wurden lauter. Jemand rief, dass der Herr zu der Generation gehöre, die uns in diese Situation gebracht hat, und dass er diesen Standpunkt aus Scham vertrete. Ich weiß nicht, wer danach was zu dem Herrn sagte, aber es ging so weiter:

“Sie können ja nicht einmal vernünftig urteilen, Sie sagen nur die ganze Zeit, ‚wenn der und der es will‘.“
“Man muss nicht vernünftig urteilen. Es ist so. Es wird sich nichts ändern.“
“Doch, wird es.”
“Nein, wird es nicht”
“Es wird.”
“Wird es nicht.”
“Es wird.”

Eine Stimme aus einer anderen Richtung sagte
“Wenn ihr lange genug wartet, kommt vielleicht Imam Zaman (der Zwölfte Imam) und richtet es für euch.“
Alle lachten.
“Wird er nicht.”
“Wird er doch.”
“Nein”
“Doch.”

Plötzlich schaltete sich der Bäcker ein:
“Hört auf zu streiten. Ich habe gestern mit Emam Zaman zu Abend gegessen, und er hat mir gesagt, doch. Ende der Diskussion.”

Wir kauften dann im Laden nebenan etwas Käse und saßen zwei weitere Stunden im höllischen Verkehr.