Archiv der Kategorie: Zhila Bani Yaghoub

Wir haben unser Leben – von Jila Bani Yaghoub

Bahman Ahmadi Amouie

10. Oktober 2011 – Von Jila Baniyaghoob

Seit längerem frage ich mich, warum die iranischen Justiz- und Sicherheitsbehörden meinen Ehemann Bahman und mehrere hundert weitere politische Gefangene eingesperrt haben, und wie viele der Ziele, die sie mit diesen Inhaftierungen verfolgten, sie inzwischen wohl erreicht haben.

Vor einigen Tagen fiel mir eine Erinnerung wieder ein, die mir sagte, dass ich mir über ihre Ziele nicht zu viele Gedanken machen sollte, und dass ich nicht versuchen sollte, sie zu verstehen. Weiterlesen

Bahman Amoueis Frau Zhila Bani Yaghoob: “Viele dieser Gefangenen sind akut krank – muss ich mehr sagen?”

Mit den Worten „Wie ich höre, sind einige unzufrieden damit, dass die Gefangenen ihren Hungerstreik beendet haben“ beginnt Zhila Bani Yaghoob einen Eintrag auf ihrer Webseite.

„Nicht nur die Mütter und Ehefrauen dieser Gefangenen haben zwei Wochen lang nichts gegessen – sogar meine eigene Mutter konnte nichts essen, weil ihr Schwiegersohn im Hungerstreik war.“ Weiterlesen

Bahman! Warum ließ der Ermittler mich frei, Dich aber nicht?

Veröffentlicht auf RAHANA am 7. März 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.org/en/?p=1557
Deutsche Übersetzung: Günter Haberland, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Dieser Brief stammt von Zhila Baniyaghoub, einer bekannten iranischen Journalistin, gerichtet an ihren Mann Bahman Ahmadi Amooii, auch er ein bekannter Journalist, der jetzt im berühmt-berüchtigten Evin-Gefängnis sitzt. Zhila und Bahman wurden von iranischen Sicherheitsbeamten nach der umstrittenen Präsidentschaftwahl verhaftet.

Bahman! Warum ließ der Ermittler mich frei, Dich aber nicht?
Von Zhila Baniyaghoub

Ich habe immer gedacht, ich kenne Dich sehr gut bis ich vor kurzem erkannte, daß ich Dich vorher tatsächlich nie so gut gekannt habe wie jetzt. Wenn ich in Dein ruhiges, ernsthaftes und friedvolles Gesicht schaue, dann sehe und bewundere ich Deine wahre Hartnäckigkeit, Geduld und Beharrlichkeit. Jedes Mal, wenn ich durch die Glasscheibe im Besucherraum im Evin-Gefängnis in Deine Augen sehe, bin ich so beruhigt, ermutigt und gelöst nur durch die Art, wie Du mich anschaust: so tief, kraftvoll und beruhigend. Es ist, als ob Du durch mich hindurch sehen, als ob Du alle meine Sorgen vertreiben könntest; und auf einmal verschwindet all der Schmerz, den ich wegen Deiner Abwesenheit spüre.

Beim letzten treffen fragte ich Dich: „Mein lieber Bahman, bist Du nicht der Gefangenschaft müde?“ „Nein, wieso müde?“ war Deine Antwort.
Du sagtest das so fest, mit ehrlicher Stimme, daß ich Dir geglaubt und nicht weiter gefragt habe.
Ich erinnere mich, daß die Person, die mich verhört hat und die auch Dich verhört hat, zu uns sagte: „Ihr könnt gehen, aber erst, wenn Ihr Eure Lektion gelernt habt.“
Ich hatte diesen Satz vergessen bis unsere liebe Freundin Shiva NazarAhari aus dem Gefängnis entlassen wurde. Sie wurde freigelassen, während andere Freunde noch in Haft sind. Als ich ihr zu iherer Freilassung gratulierte, antwortete sie: „Zhila, ich wurde im Gefängnis wieder und wieder verhört in diesen Tagen. Jetzt frage ich mich, ob ich einen Fehler gemacht habe, daß ich freigelassen wurde. Was habe ich getan, daß ich früher freigelassen werde als die anderen?“

Und da kamen mir wieder die Worte unseres Vernehmungsbeamten in die Ohren: „Du und Bahman könnt gehen, aber erst, wenn Ihr Eure Lektion gelernt habt.“

Mein lieber Bahman! Dieser Satz klingt andauernd in meinen Ohren, er macht mich todmüde. Wie Shiva sagte, was habe ich getan, daß der Vernehmungsbeamte mich früher freigelassen hat als Dich? Ich bin jetzt neidisch auf Dich. Auf Dich, der widerstandsfähiger war als ich; auf Dich, der im Verhör wohl weniger Fehler gemacht hat, auf Dich, dessen Vernehmungsbeamter bei Dir keinerlei Reue oder Erschöpfung durch die Haft feststellen konnte. Tatsächlich ist es das, weshalb er Dich nicht freilässt.

Ich habe gemischte Gefühle. Positive und negative: positive, weil ich Dich heute, nach 10 Jahren Ehe, viel besser kennengelernt habe und viel stolzer auf Dich bin als je. Ich bin stolz auf Dich, weil Du, sooft ich Dich sehe, nie nach Deinem Verfahren fragst. Nie fragst Du, wann Du freigelassen wirst. Wann immer ich erklären will, wie ich Dein Verfahren bei Gericht verfolge, wechselst Du sofort das Thema.
Und wenn ich darauf bestehe, sagst Du: „Ich werde hier bleiben, so lange es dauert; kein Problem, keine Erschöpfung.“ Und das bringt mich zum Lachen: „Liebling! Es scheint, Du hast Deine Lektion nicht gelernt, wenn Du solche Dinge sagst. Sie könnten Dich hören! Bitte sage, daß Du dessen müde bist! Sag, Du hättest Deine Lektion gelernt und seiest jetzt reumütig! Und lache, lache einfach!“

Und ich habe ein schlechtes Gefühl. Was habe ich getan, daß ich frei bin und Du immer noch in Haft? Wieso denkt der Vernehmungsbeamte, ich hätte meine Vergangenheit bereut?
Du sagtest: „Meine Gefangenschaft könnte eine bessere Zukunft für meinen kleinen Amir und alle Kinder bringen als anererseits meine Freeilassung,“ und in diesem Moment wurde mir bewusst, daß ich etwas Ähnliches von einer inhaftierten Frau gehört hatte, ich meine Shabnam, die immer noch im Gefängnis sitzt und deren freigelassene Freunde sagen „sie (Shabnam) betet nie zu Gott für ihre Freilassung, statt dessen betet sie ‚Lieber Gott! Wenn meine Haft meinem Land hilft, Erfolg zu haben, dann laß mich in Haft bleiben, und wenn meine Freilassung hilft, dann laß mich frei!“

Jedes Mal sagst DU: „Im Gefängnis zu leben ist voll verschiedener Erfahrungen.“ und dann sprichst Du über Deine Erfahrungen, ich verstehe, Du bist immer Journalist, sogar dort.

Die läppischen zwei Monate der Gefangenschaft seien voll echter Momente. Du sagst, Du könntest nirgends sonst in der Welt die Einsamkeit einer Einzelhaft erleben. Du sagst, Du hättest Dich aller Momente Deines Lebens wieder und wieder in der Dunkelheit Deiner Zelle erinnert, was Dir das Gefühl gegeben habe, leicht wie eine Feder zu sein.

Du sagst, Du hättest nach der Vergegenwärtigung all Deiner Lebenserinnerungen begriffen, daß Du von jetzt an gütiger, geduldiger und toleranter zu anderen sein musst und daß die wichtigste Entscheidung nach Deiner Freilassung sein müssen, diejenigen aufzusuchen, die Du in der Vergangenheit belästigt hättest, wenn auch nur leicht. Daß Du Deine Gegner mehr lieben müsstest als zuvor. Solche Worte sagst Du, eine Person, die unter unseren Freunden Kollegen und in unserer Familie bekannt ist für ihre bewundernswerte Toleranz.

Mein lieber Bahman, jetzt danke ich dem Vernehmungsbeamten, daß er mir die Chance gegeben hat, Dich richtig kennenzulernen und stolzer auf Dich zu sein als jemals zuvor: Danke, Herr Vernehmungsbeamter!

Jila Baniyaghoobs offener Brief an Mohammad Javad Larijani

Veröffentlicht auf RAHANA am 28. Februar 2010
Quelle (Englisch): http://www.rhairan.org/en/?p=1235
Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angeben

Verfasst von Jila Baniyaghoob am 26. Februar 2010
Quelle: http://zhila.org/

Herr Mohammad Javad Larijani, Chef der Menschenrechtsabteilung der Justiz,

ich habe das Interview von Christiane Amanpour mit Ihnen gesehen und gelesen. Viele Male habe ich Ihre Aussagen über inhaftierte Journalisten gelesen, und jedes Mal war ich noch erstaunter als vorher. Vielleicht ist Ihnen überhaupt nichts über die Akten der inhaftierten Journalisten bekannt. Vielleicht wissen Sie davon, ziehen es aber vor, Ihre bevorzugte Version der Fakten darzustellen.

In dem Interview sagt Christiane Amanpour zu Ihnen, dass in Iran heute mehr als 90 Journalisten im Gefängnis sitzen – die höchste Zahl inhaftierter Journalisten weltweit. Sie fragt Sie nach dem Grund. Sie sagen, der Grund für ihre Haft sei nicht, dass sie protestiert hätten, sondern dass sie Gewalt angewendet und fremdes Eigentum zerstört haben.

Christiane Amanpour fragt Sie, ob Journalisten nur deshalb im Gefängnis sitzen, weil sie auf der Straße waren, um zu beobachten, was dort vor sich ging. Sie antworten: „Kein Reporter oder Journalist ist wegen journalistischer Arbeit ins Gefängnis gekommen. Wenn aber ein Journalist Gewalt befürwortet hat, wurde er bzw. sie von der Justiz belangt.“

Ich schreibe Ihnen, um Sie darüber zu informieren, wo die Akten von mir selbst, meines Ehemannes und mehrerer meiner Kollegen zu finden sind. Begeben Sie sich bitte in Abteilung 26 des Revolutionsgerichts in der Shariati-Straße, und gehen Sie dort bitte auch in Abteilung 15 vorbei. Sie sind der Chef der Menschenrechtsabteilung der Justiz. Die ehrenwerten Richter in diesen Abteilungen werden Ihnen sicher unsere Akten zur Verfügung stellen.

Bitte schauen Sie sich die Akte meines Ehemannes Bahman Ahmadi-Amouie an. Bitte schauen Sie nach, ob und wann er jemals öffentliches Eigentum zerstört hat. Bitte schauen Sie sich auch die Akte von Massoud Bastani in Abteilung 15 an. Vergessen Sie bitte auch nicht die Akten von Saied Laylaz und Ahmad Zeidabadi. Besuchen Sie bitte die 3. Verhörabteilung in Evin und bitten Sie um Shiva Nazar Aharis Akte. Welche von all diesen Personen hat Gewalt angewendet oder öffentliches Eigentum zerstört? Und sie sind nicht die einzigen Journalisten, die für ihre beruflichen Aktivitäten eingesperrt wurden.

Wenn Sie Zeit dafür haben, werfen Sie bitte auch einen Blick in meine Akte, denn ich war 60 Tage im Gefängnis und warte jetzt auf meinen Prozess. Ich weiß nicht, wo meine Akte ist, aber es sollte nicht schwer sein, sie zu finden. Wenn Sie auch nur den kleinsten Beweis dafür finden, dass ich mir Zerstörung oder Gewalt habe zuschulden kommen lassen oder auch nur Gewalt befürwortet habe, dann werde ich freiwillig den Rest meines Lebens in Evin verbringen.

Einer der Befrager, die für meine Akte verantwortlich waren, hat mir gegenüber die Zerstörung verurteilt, die sich auf den Straßen zugetragen hatte. Ich antwortete, dass auch ich diese Zerstörungen verurteile und fragte ihn , ob er denke, dass ich oder mein Ehemann im Gefängnis seien, weil wir etwas mit der Zerstörung zu tun hätten. Der Befrager hatte – anders als viele andere Befrager in Trakt 209 von Evin (wo politische Gefangene festgehalten werden) – immer ein fröhliches, lächelndes Gesicht und war im Vergleich mit einigen seiner Kollegen auch relativ höflich. Er lachte und sagte: „Nein, ich meine das nicht. Sie und Ihr Mann verstehen gar nichts davon, irgendetwas anzuzünden oder zu zerstören.“

Ich sagte: „Gott sei Dank können wir solche Dinge nicht tun, weil wir nicht genug davon verstehen.“

Alle Anklagen in Bahman Ahmadi-Amouies Akte haben etwas mit seinem Beruf als Journalist zu tun. Sie haben gesagt, dass kein Journalist im Gefängnis sitzt, weil er an einer Versammlung teilgenommen hat. Einer der wichtigsten Anklagepunkte gegen mich und meinen Mann ist, dass wir als Reporter an einigen Versammlungen teilgenommen haben, wobei wir unsere Berufsausweise und den schriftlichen Auftrag der Zeitungen bei uns hatten, für die wir arbeiteten.

Nun ist Bahman zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil er, wie Christiane Amanpour es ausdrückte, „die Versammlungen beobachtete“. Die andere Anklage, die gegen meinen Mann erhoben wird, lautet „Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ – basierend auf seiner Position als Redakteur der Webseite Khordad-e Now. Die Webseite wurde wenige Tage nach der (Präsidentschafts-)Wahl (vom Juni 2009) geschlossen.

Sehen Sie? Jede Seite seiner Akte hat etwas mit seinem Beruf als Journalist zu tun.

Ich verstehe nicht so viel wie Sie von juristischen Angelegenheiten, aber ich habe doch genug gelernt, um zu wissen, dass für eine „Verschwörung“ heimliche Handlungen erforderlich sind. Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, mittels Journalismus und der Veröffentlichung von Informationen auf einer Internetseite heimlichen Handlungen nachzugehen. Gibt es irgendetwas, das so öffentlich ist wie Journalismus? Wie kann die offene Arbeit in den Medien als Verschwörung und heimliche Arbeit gegen die nationale Sicherheit ausgelegt werden?

Wenn Sie nun noch Zeit und Geduld haben, blättern Sie bitte die Akte meines Mannes durch. Es wurden „moralische Beweise“ für die „Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ gegen ihn verwendet. Wissen Sie, welche Beweise herangezogen wurden, um diese Anklage zu stützen? Es waren seine Beiträge für „extremistische“ Zeitungen wie Nowrooz, Yas-e Now und Khordaad. Auch dies waren journalistische Tätigkeiten, nicht wahr? Ich kann nicht verstehen, wie es möglich ist, Beiträge für Zeitungen, die vor zehn bis zwölf Jahren mit der Erlaubnis der Regierung veröffentlicht wurden, im Jahre 2009 als Beweise gegen meinen Mann zu verwenden.

Bitte haben Sie Geduld und blättern Sie noch etwas weiter in seiner Akte. Ein weiteres „moralisches Beweismittel“, das vorgelegt wird, um den Vorwurf der „Verschwörung“ gegen Bahman Ahmadi Amouie zu untermauern, ist die Tatsache, dass er sich im Juli 1999 als Reporter kurz im Wohnheim der Teheran-Universität aufgehalten hat (wo es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Studenten kam). Seine Berichte wurden von der Zeitung, für die er damals arbeitete, veröffentlicht. Kann dieser Umstand als „moralischer Beweis“ für eine Verschwörung gegen die nationale Sicherheit im Juni 2009 gelten?

Es gibt noch weitere Vorwürfe gegen Bahman Ahmadi Amouie: Seine kritischen Artikel über die Neunte Regierung (unter Ahmadinejad), geschrieben im Rahmen der Verfassung, wurden als „Beleidigung des Präsidenten“ beschrieben. Diese kritischen Artikel haben nun zu Haftstrafe und Peitschenhieben geführt.

Herr Larijani, etwa 70 Journalisten befinden sich zur Zeit in den Gefängnissen der Islamischen Republik, und viele andere, wie ich selbst, sind gegen Kaution frei und haben keinerlei Sicherheit. Wir befürchten, dass alles, was wir schreiben, als Beweis für „Propaganda gegen das System“ oder „Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ gegen uns verwendet werden könnte. Meine Kollegen und ich versuchen, so wenig wie möglich zu schreiben.

Als ich diesen offenen Brief vor der Veröffentlichung mehreren Kollegen zeigte, warnten sie mich davor, ihn zu veröffentlichen. Sie sagten: „Wegen dieses Briefes könntest du wieder im Gefängnis landen. Deine Gerichtsakte wird noch größer, und deine Haftstrafe wird noch länger werden.“

Trotz alledem, Herr Larijani, habe ich mich dazu entschlossen, diesen Brief zu veröffentlichen, denn ich hoffe noch immer, dass Sie, wenn meine Stimme Sie erreicht, einen Moment innehalten und versuchen werden, die Rechte meiner Kollegen wiederherzustellen.

Ich habe noch ein wenig Hoffnung. Ich hoffe, dass die Tatsache, dass wir (die Iraner) den Weltrekord in der Zahl der verhafteten Journalisten gebrochen haben – vor China mit einer Bevölkerung von mehr als 1 Milliarde Menschen – Sie traurig stimmen wird.

Ich glaube noch immer, dass Sie die Wahrheit über die Akten der inhaftierten Journalisten möglicherweise nicht kennen.

Die Fenster der Besucherkabinen in Evin, und einige kleine Wünsche

Veröffentlicht auf Mowjcamp am 17. Oktober 2009
Quelle (Englisch): http://english.mowjcamp.com/article/id/48180
Übersetzung ins Deutsche: Julia
Bei Weiterveröffentlichung bitte Link zu diesem Post angeben

Von Jila Baniyaghoob

Auch an diesem Montag habe ich Bahman* getroffen. Natürlich befand ich mich dabei, wie auch die Male zuvor, hinter der blickdichten Scheibe der Besucherkabine.

Ich hörte auch seine Stimme durchs Telefon. Die Scheibe war nicht besonders sauber, und auch der Telefonhörer war nicht mehr neu – vielleicht war das der Grund, warum ich Bahmans Stimme nicht gut hören konnte. Immer wieder musste ich sagen „Bahman, mein Lieber, sprich um Himmels Willen lauter, ich kann dich nicht verstehen.“ Meine Stimme klang wie die einer Bittstellerin, vielleicht, weil ich Angst hatte, dass die 20 Minuten zuende gehen würden, bevor wir uns alles sagen konnten, was wir zu sagen hatten.

Ich rieb mit der Hand über die Scheibe in der Hoffnung, dass man dann ein wenig mehr erkennen und ich Bahmans Gesicht besser sehen könnte. Bahman tat dasselbe auf seiner Seite der Scheibe. Aber es nützte nichts. Das Fenster zu verschmutzt, um es auf diese Weise reinigen zu können. Irgendwann hatte ich nur noch einen Wunsch – ein paar Stunden Zeit und eine vollständige Putzausrüstung, um jeden Teil der Halle sauber zu machen, in der die Besucherkabinen untergebracht sind. Ich würde die Fenster schrubben, bis ich Bahmans Gesicht sehen könnte, und all die Familien, die die ganze Woche darauf warten, ihre Lieben für 20 Minuten zu Gesicht zu bekommen, könnten ihre Gefangenen durch klare, durchsichtige Scheiben sehen. Was für ein aussichtsloser Wunsch!

Bisher haben die Befrager von Bahman uns Besuche in der Kabine erlaubt, wir durften uns noch nicht persönlich sehen. Jedes Mal möchte ich den wachhabenden Offizier von Abteilung 209 [Evins Abteilung für politische Gefangene] bitten, den Befrager für mich darum zu bitten, dass ich Bahman persönlich sehen kann, aber ich bereue den Gedanken immer sofort. Ich bereue den Gedanken deshalb, weil ich daran denken muss, dass Bahman mir immer gesagt hat, wenn er mal im Gefängnis enden würde, dann sollte ich die Gefängnisbeamten und die Befrager niemals um einen Gefallen bitten. Ich sollte mich vor ihnen niemals auch nur das kleinste bisschen erniedrigen. Und jedes Mal versuche ich, zu vergessen, wie gern ich neben Bahman sitzen und seine richtige Stimme hören würde, anstatt seine Stimme durch dieses alte Evin-Telefon hören zu müssen. Und jedes Mal versuche ich das Gefühl zu überwinden, dass ich mich danach sehne, Bahmans Hand in meiner halten und ihm zu sagen, dass ich ihn liebe.

Vor allem war Bahman besorgt über [zwei andere inhaftierte Journalistinnen] Hengameh Shahidi und Fariba Pajuh. Er hatte sie zufällig einige Male in der Besucherhalle gesehen, sie sahen abgemagert und deprimiert aus. „Tu alles, was du kannst, damit Hengameh und Fariba freigelassen werden“, sagte er. „Tu alles, was du kannst.“

Alles, was ich darauf sagen konnte, war: „Sei sicher. Sei sicher.“

Ich brachte es nicht über mich zu sagen „Dieser Tage gibt es herzlich wenig, was irgendjemand tun kann. Ein Beamter erlässt eine Anordnung, ein anderer widerruft sie. Einer sagt, dass bald zwanzig Gefangene freigelassen werden, und ein paar Tage später sagt jemand anders, dass der Generalstaatsanwalt angeordnet hat, alle Freilassungen zu stoppen! Was kann man unter solchen Bedingungen für Hengameh und Fariba tun?“

———–

*) Amnesty International zufolge waren unter den Tausenden, die im Iran nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl verhaftet wurden, 13 Journalisten. Sieben davon sind seitdem freigelassen worden, von fünf weiß man, dass sie noch im Gefängnis sind. Amnesty International sagt, man habe keine Informationen über den Journalisten Rouhollah Shahsavar.

Amnesty International zufolge sind unter den freigelassenen auch zwei Frauen: Jila Baniyaghoub, die auch Frauenrechtlerin ist, wurde gegen eine Kaution in Höhe von rund 130.000 US$ freigelassen, die schwangere Mahsa Amrabadi gegen eine Kaution fon rund 200.000 US$ (s. a. „Seven Iranian Journalists Released“, http://www.amnesty.org/en/library/i…,

Die anderen freigelassenen Journalisten sind Männer: der Herausgeber der Zeitung Gilan-e Emrooz, Mojtaba Pourmohsen; der freiberufliche Journalist Fariborz Soroush; der britisch-griechische Journalist Iason Athanasiadis-Fowden, der am 5. Juli freigelassen wurde und den Iran verlassen hat; Mostafa Qavanloo Qajar, der für das Monatsmagazin Sepideh Danaei arbeitet; und Abdolreza Tajik, Herausgeber des Wochenmagazins Farhikhtegan.

Amnesty International zufolge sind mindestens fünf weitere Journalisten, allesamt männlich, noch immer in Haft und haben keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand. Es handelt sich dabei um Jila Baniyaghoubs Ehemann Bahman Ahmadi-Amouee, der in Einzelhaft gehalten wird; den Herausgeber der Zeitung Etemaad-e Melli, Mohammad Qouchani – trotz Zahlung der Kaution; Maziar Bahari, ein kanadisch-iranischer Reporter für das Magazin Newsweek**, sowie Saeed Laylaz, der für das Magazin Sarmayeh schreibt, und Keyvan Samimi Behbehani, Herausgeber der verbotenen Zeitung „Nameh“. (Mehr Informationen dazu im Statement von Amnesty International)

**) Nachtrag d. Übers.: am 17. Oktober wurde Maziar Bahari freigelassen und hat den Iran verlassen