Das Verschwinden des Menschenrechtsaktivisten Koohyar Goudarzi und die Verhaftung seiner Mutter

Rahe Sabz/Jaras, 10. August 2011 – In einem Interview mit der Nachrichtenseite Jaras hat Koohyar Goudarzis Freund Ali Gholizadeh die Umstände der Verhaftung von Koohyars Mutter beschrieben.

Die Mutter des Menschenrechtsaktivisten Koohyar Goudarzi hatte ihrer Schwester und ihrer Mutter bei einem Besuch im Gefängnis von Kerman [wo sie im Moment inhaftiert ist] erzählt, was bei ihrer Verhaftung vorgefallen war.

Demnach war sie am frühen Morgen des 8. August allein zu Hause und befand sich gerade im Bad, als 4 Agenten in ihre Wohnung eindrangen. Sie waren die Außenmauer hochgeklettert. Es sei sehr beängstigend gewesen, sich plötzlich vier Agenten in Zivil gegenüber zu sehen.

Ali Gholizadeh sagte gegenüber Jaras: „Die Agenten sagten nicht, in wessen Auftrag sie gekommen waren und befahlen Koohyars Mutter, sich anzuziehen und mitzukommen. Sie teilten ihr mit, dass ihr Sohn verhaftet worden sei und sich in Evin befinde. Der Grund für ihre eigene Verhaftung sei, dass man nicht wolle, dass sie weiterhin in Interviews über ihren Sohn spricht.“

„Da es laut Auskunft der Teheraner Staatsanwaltschaft keinen anhängigen Haftbefehl gegen Koohyar gibt und alle Justizbeamten sagen, sie wüssten nichts von seiner Verhaftung, ist nicht klar, ob die Aussage der Agenten über Koohyars Verhaftung zutreffend ist.“

„Es ist nicht wirklich klar, was mit Koohyar passiert ist, und wenn er wirklich verhaftet wurde, dann wissen wir nicht, welche Stelle seine Verhaftung vorgenommen hat, und sein derzeitiger Status ist unbekannt.“

„Der Anwalt, der sich in Kerman mit Koohyars Fall befasst, hat gesagt, dass ein Gericht in Kerman einen vorläufigen Haftbefehl ausgestellt hat. Er sagt, dass Koohyars Fall, in dem es um Gefährdung der nationalen Sicherheit geht, an eine Abteilung des Revolutionsgerichts in Kerman gegeben worden ist.“

„Auch der Umstand, dass der Fall von Koohyars Mutter so schnell von der Staatsanwaltschaft ans Gericht gegeben wurde, ist an sich schon merkwürdig und wirft weitere Fragen zu diesem Fall auf.“

Ali Gholizadeh, der bei der letzten Präsidentschaftswahl für Mehdi Karroubis Wahlkampagne aktiv war, erklärt weiter: „Wir sollen angeblich in einem Land leben, in dem muslimische Männer, die mitansehen, wie eine jüdische Frau an einem Fußring herumgeschleift wird, vor Trauer außer sich sind (eine Referenz auf eine Geschichte aus der Zeit Imam Alis). Es war nicht so gedacht, dass die Agenten der Islamischen Republik über die Außenmauer in die Wohnung der Mutter einer Menschenrechtsaktivistin eindringen und sie verhaften, während sie ein Bad nimmt. Die Ehrenmänner dieses Landes sollen an dieser Schande sterben.“

„Wer, und mit welcher Autorität, hat angeordnet, dass vier Männer an der Mauer des Hauses einer Frau hochklettern, die allein im Haus ist, und sie verhaften?“

„Koohyars Mutter wusste gar nichts davon, dass er verhaftet worden war. Welches Verbrechen hat sie begangen, dass sie sich früh Morgens in ihrem Bad vier fremden Männern gegenüber sehen muss?“

„Alles, was geschehen ist, dieses illegale Vorgehen der Offiziellen, lässt die Sorge um Koohyars Status und Wohlergehen wachsen.“

„Man fragt sich, ob es Koohyar gut geht und ob er noch am Leben ist, oder ob er illegal unter Druck gesetzt wird, damit er falsche Geständnisse ablegt. Warum verhaften sie seine Mutter auf diese Weise? Warum darf er niemanden kontaktieren? Warum erlauben sie seiner Familie und seinen Freunden nicht, ihn zu sehen?“

„Geht man so mit einem Aktivisten um, der außer seiner Mutter niemanden hat?“ (Koohyars Vater lebt im Ausland).

„Das ist nicht das, was unsere Väter sich von der Revolution versprochen haben. Sie wollten nicht, dass die Kinder dieses Landes so unter Druck gesetzt werden. Menschen, deren einziges Vergehen darin besteht, dass sie Freiheit und Menschenrechte wollen. Es war nicht so gedacht, dass Mütter und ihre Kinder so behandelt werden.“

Mittlerweile sind seit dem Verschwinden des Menschenrechtaktivisten und unter Studienverbot stehenden Studenten der Sharif-Universität Koohyar Goudarzi mehr als 10 Tage vergangen.

Bislang haben weder der Geheimdienst noch die Justiz die Verantwortung für Koohyars Verschwinden übernommen.

Er war im Dezember 2009 verhaftet worden, als er und andere Menschenrechtsaktivisten auf dem Weg nach Qom waren, um an der Trauerfeier für Ayatollah Montazeri teilzunehmen.

Am 2. Juni 2010 wurde ihm in Abteilung 26 des Revolutionsgerichts unter Vorsitz von Richter Pir Abbasi der Prozess gemacht. Er wurde wegen systemfeindlicher Propaganda und anderen Vorwürfen im Zusammenhang mit seiner Arbeit für und Mitgliedschaft in der Organisation „Committee of Human Rights Reporters“ zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Die ersten 10 Monate verbrachte er im Teheraner Evin-Gefängnis, danach wurde er ins Gefängnis Rajai Shahr in Karaj verlegt, wo er den Rest seiner Haftstrafe absaß. Danach wurde er entlassen.

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle/Englische Übersetzung: Persian Banoo, 10. August 2011
Persisch: Rahe Sabz/Jaras, 10. August 2011

____________________________

Bitte unterstützen Sie die Online-Petition für Kouhyar Goodarzi. Danke!

Anm. d. Übers.:
Auf einer der Facebook-Gruppen, die sich für Koohyar Goudarzi einsetzen, wird dazu aufgerufen, an die Redaktion des „Spiegel“ zu schreiben und darum zu bitten, dass der Spiegel sich für Koohyar und seine Mutter einsetzt. Hintergrund ist die Veröffentlichung von Tagebuch-Äußerungen Koohyars und einem Interview mit ihm im „Spiegel“ vor einigen Tagen, die möglicherweise Auslöser für die Verhaftung waren:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79652719.html
http://www.spiegel.de/international/world/0,1518,776787-2,00.html

E-Mail-Adressen: (Danke an Uli van Sanden)
Chefredakteur:
ruediger_ditz@spiegel.de

stellv.Chefredakteure:
florian_harms@spiegel.de, jule_lutteroth@spiegel.de,

Chefredaktion:
roland_nelles@spiegel.de

CVD:
patricia_dreyer@spiegel.de, carlo_ingelfinger@spiegel.de, Matthias_Streitz@spiegel.de, joern_sucher@spiegel.de, anselm_waldermann@spiegel.de

Ressort Politik:
olaf_kanter@spiegel.de, alwin_schroeder@spiegel.de, friederike_freiburg@spiegel.de, lisa_erdmann@spiegel.de, bjoern_hengst@spiegel.de, johannes_korge@spiegel.de,
annett_meiritz@spiegel.de, katharina_peters@spiegel.de

6 Antworten zu “Das Verschwinden des Menschenrechtsaktivisten Koohyar Goudarzi und die Verhaftung seiner Mutter

  1. Pingback: Kouhyar Goudarzi ist in Einzelhaft | Julias Blog

  2. Pingback: Kouhyar Goudarzis Mutter Parvin Mokhtare vor Gericht | Julias Blog

  3. Pingback: Weiterhin keine Nachricht von Kouhyar Goodarzi | Julias Blog

  4. Pingback: Further Details on the Arrest of Parvin Mokhtare; Still No News from Kouhyar Goudarzi | Persian2English

  5. Pingback: News vom 11. August 2011 « Arshama3's Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s