Vater eines getöteten Demonstranten bricht nach 26 Monaten sein Schweigen

Jaras/Rahe Sabz, 27. August 2011 – Die Familie des bei den Protesten im Juli 2009 in Teheran getöteten Amir Yousefzadeh hat nach 26 Monaten ihr Schweigen gebrochen.

Bei Protesten gegen die Regierung im Juli 2009 hatten Studenten in der Gegend um den Enghelab-Platz und die Teheran-Universität demonstriert. Sie wurden mit Schlagstöcken angegriffen und teilweise so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Amir Yousefzadeh war einer von ihnen – er starb im Krankenhaus.

In den letzten 26 Monaten haben viele Familien, die Angehörige [bei den Demonstrationen] verloren haben, trotz aller Drohungen ihr Schweigen gebrochen und mit Medien gesprochen. Doch es gibt nach wie vor Familien, die infolge von Druck und Drohungen aus Angst nicht über den Tod ihrer Kinder sprechen wollen. Zumeist handelt es sich dabei um Familien, die noch weitere in Iran lebende Kinder haben und denen wiederholt mit Verhaftung gedroht wurde, sollten sie über die Todesfälle sprechen.Familien von 50 Todesopfern der Unruhen nach der Präsidentschaftswahl von 2009 haben in Interviews mit Medien berichtet, wie ihre Angehörigen zu Tode kamen, darunter die Familien von Ali Fatahian, Lotfali Yousefian, Hossein Akhtarzand, Ramin Aghazadeh-Ghahremani, Amir Housein Toofanpour, Alireza Eftekhari, Bahman Jenaei, Naser Amirnejad, und jetzt auch die Familie von Amir Yousefzadeh.

Auch die Familie des ermordeten Dr. Soudbakhsh hatte sich vor Kurzem in Interviews mit den Webseiten Jaras und Rooz Online geäußert und erklärt, er sei ermordet worden, weil er Demonstrationsteilnehmer behandelt hatte, die in der Haftanstalt Kahrizak vergewaltigt worden waren.

Nun erklärt auch Amir Yousefzadehs Vater gegenüber Jaras: „Ich als Amirs Vater werde Gerechtigkeit für meinen Sohn einfordern, so lange ich lebe.“

Amir war unser Leben – wir sind zerstört worden
„Mein Sohn hat an der Teheran-Universität Elektronik studiert. Er war erst 19 Jahre alt, als sie ihm das antaten und wir ihn verloren“, so Amir Yousefzadehs Vater. „Ich wünsche denen, die mir und Amirs Mutter diesen unerträglichen Schmerz zugefügt haben, dass sie denselben Schmerz erleben müssen.“

Auf die Frage, wie er im Juli 2009 vom Tod seines Sohnes erfahren habe, sagt der Vater: „Amir war an die Uni gegangen und kam nicht mehr zuürck. Wir erhielten einen Anruf und erfuhren, dass er im Krankenhaus ist.“

Gefragt, ob er Amir im Krankenhaus vor dessen Tod noch habe sehen und erfahren können, was ihm zugestoßen war, sagt er: „Viele Leute haben gesehen, wo Amir war und was ihm widerfahren ist. Als wir im Krankenhaus ankamen, war er bereits tot, und seine Leiche lag in der Leichenhalle des Krankenhauses. Wir baten darum, ihn sehen zu können, aber sie erlaubten es uns nicht und sagten, er sei bereits weggebracht worden.“

Auf die Frage, warum als Todesursache Herzversagen angegeben wurde, antwortet der Vater: „Sie können sagen, was sie wollen, es ist egal. Aber schreiben Sie die Wahrheit. Amir war alles für uns, er war unser Leben. Er war mir eine große Hilfe, und für unsere Familie war er alles. Wir konnten uns auf ihn verlassen, er war unser Ein und Alles,.“

„Nachdem wir Amir verloren hatten, haben wir bei der Justiz Beschwerde eingereicht, aber sie haben sie nicht angenommen. Ich werde für Gerechtigkeit für meinen Sohn kämpfen, so lange ich lebe.“

„Amir hat nichts Falsches getan und nichts Falsches gesagt. Als die Proteste ausbrachen, war er zur Uni gegangen. Wie viele andere Studenten auch hat er sich den Protesten angeschlossen. Er hat nichts Falsches getan, aber die (Justizbeamten) wollen uns nicht anhören und unsere Beschwerde nicht annehmen.“

Die Familien von Getöteten dürfen nicht zulassen, dass offizielle Stellen die Todesfälle leugnen
In einem Interview mit Jaras sagte Parvin Fahimi, die Mutter des mit 19 Jahren bei einer friedlichen Demonstration am 15. Juni 2009 erschossenen Sohrab Arabi: „Ich habe Amir Yousefzadehs Familie oft in Sektion 257 von Behesht-e Zahra (einem Friedhof bei Teheran) gesehen. Es sind ältere Leute, die in tiefem Schmerz schweigend am Grab ihres Sohnes sitzen. Dass sie ihr Schweigen brechen, ist ein Anzeichen dafür, dass auch andere Familien irgendwann ihrem Beispiel folgen werden. In dem Teil des Friedhofs, auf dem unsere Kinder liegen, sind viele andere begraben. Auch ihre Familien werden eines Tages ihr Schweigen brechen.“

Frau Fahimi erinnert daran, dass Amir nach Angaben seiner Familie an den Folgen von Schlägen mit Schlagstöcken starb, und dass er wenige Tage vor seinem Tod seinen Organspenderausweis erhalten hatte. „Amirs Familie zufolge und nach allem, was ich weiß, haben sie Amir noch im Krankenhaus seine Organe entnommen, weil er seinen Spenderausweis bei sich hatte.“

Parvin Fahimi: „In den Anfangstagen der Proteste und Unruhen, als mein Sohn vermisst wurde, habe ich überall nach ihm gesucht, und ich war in vielen Krankenhäusern, wo ich 40 bis 50 verletzte Demonstrationsteilnehmer sah. Kann uns irgendjemand sagen, was aus diesen schwer verletzten Menschen geworden ist?“

„Viele Tote wurden in aller Stille in Behesht-e Zahra beerdigt, und ihre Angehörigen schwiegen aus Angst und wegen des Drucks. Sie fühlten sich nicht sicher.“

Das Schweigen der Angehörigen der Getöteten erlaube es den Behörden, abzustreiten, dass es bei den Massenprotesten Tote gegeben hat, so Parvin Fahimi. Sie hoffe, dass die Familien ihr Schweigen brechen werden und nicht zulassen, dass die Rechte der Getöteten mit Füßen getreten werden.

Mit Blick auf die jüngsten Behauptungen offizieller Stellen, dass bei den Protesten niemand zu Tode gekommen sei, und den gleichzeitig geäußerten Besorgnisbekundungen offizieller iranischer Stellen angesichts der Proteste in London erklärt Frau Fahimi: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es ungünstig ist, dass viele Familien bis heute schweigen, und dass die Offiziellen dieses Schweigen ausnutzen.“

„Wir, die wir nach Behesht-e Zahra gehen, sehen viele Gräber von Getöteten. Wir wissen, dass die Zahl der Getöteten viel höher ist, als sie zugeben. Natürlich geben die Offiziellen keine Daten heraus, und sie streiten sogar ab, dass es Tote gegeben hat. (Justizchef) Ali Larijani zum Beispiel hat gesagt, dass es bei den Protesten nur einen Toten gegeben hat.“

„Die Menschen in Iran wissen, dass Viele getötet wurden, aber leider haben viele Familien beschlossen, zu schweigen. Dieses Schweigen ist Verrat an denen, die sterben mussten.“

Amirs Kommilitonen haben gezwungenermaßen ebenfalls geschwiegen
Die Frage muss erlaubt sein, warum die Kommilitonen und Freunde von getöteten Studenten ebenfalls geschwiegen haben. Dieses Schweigen über die Getöteten erlaubt es den Offiziellen, die Situation auszunutzen und in den offiziellen Medien des Regimes zu dementieren, dass es Tote gab. Sie haben gesagt: „Wie kann es sein, dass ein Mensch getötet wird und keiner seiner Kommilitonen und Freunde ein einziges Bild von ihm im Internet veröffentlicht hat?“

Einer von Amirs Freunden, der vor Kurzem ein Bild von dessen Grabstätte zur Verfügung gestellt hat, sagte gegenüber Jaras: „In den Anfangstagen haben sie uns auch gesagt, dass er an Herzversagen gestorben ist. Wir sind nach Behesht-e Zahra gefahren und haben den Schmerz und die Tränen seiner Mutter, seines Vaters, seines Bruders und seiner ganzen Familie gesehen. Dort hat seine Familie uns erzählt, dass er mit Schlagstöcken verprügelt wurde und daran gestorben ist.“

Auf die Frage, warum Amirs Freunde geschwiegen hätten, sagte er: „Amirs Tod hat uns das Rückgrat gebrochen. Wir konnten den Schmerz nicht ertragen, und es hätte Amir nicht ins Leben zurückgebracht. Außerdem hatten sie seiner Familie erzählt, dass er an Herzversagen gestorben war. Seine Familie hatte Angst, darüber zu sprechen. Wir beschlossen, ebenfalls zu schweigen, um seine Familie nicht in Gefahr zu bringen.“

„Auf Amirs Grabstein ist ein Gedicht in turkischer Sprache eingraviert. Es ist ein Gedicht, das Amir immer rezitiert hat. Ich kann Ihnen versichern, dass Amir keine Angst vor dem Sterben hatte. Er starb in Liebe und Achtsamkeit.“

Amir liegt zwischen Ashkan und Sohrab begraben
Ladan Mostafaei, die Ehefrau des getöteten Ali Hassanpour, erzählt: „Manchmal gehe ich auch zu den Gräbern anderer Märtyrer, und dann sehe ich Amirs Eltern, die an seinem Grab sitzen und still weinen. Es bricht einem das Herz, diese gebrochene Familie zu sehen. Doch es gibt kein Bild oder Video, das Amir bei den Demonstrationen zeigt oder auf dem zu sehen ist, wie er geschlagen wird. Von meinem Mann wurde ein Bild veröffentlicht, auf dem seine Kopfschusswunde zu sehen ist. Trotzdem dementieren die offizielle Stellen weiterhin [die Umstände] seines Todes. Man kann sich vorstellen, wie leicht es für sie ist, die Todesumstände eines Studenten zu dementieren, von dem es kein einziges Bild gibt, das diese belegen könnte.“

Ebenso wie  Sohrab Arabis Mutter denkt auch Ladan Mostafaei, dass die Familien der Getöteten ihr Schweigen brechen sollten, damit die ermordeten „Grünen Märtyrer“ nicht mit Füßen getreten werden: „Es ist unsere Pflicht, die Stimme jener unschuldigen Menschen zu sein, die getötet wurden.“

Masih Alinejad

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle: http://persianbanoo.wordpress.com/2011/08/29/father-breaks-his-silence-after-26-months-they-would-not-even-allow-us-to-see-his-body-in-the-morgue/
Persisch: Jaras/Rahe Sabz

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