Unveröffentlichter Bericht über Khameneis Qom-Reise: Annullierung der Wahlen wäre das Ende des Regimes gewesen

Rooz, 25. November 2010 – Nachdem im letzten Jahr unzählige Berichte über die Unzufriedenheit und Kritik führender schiitischer Geistlicher an Ayatollah Khameneis Entscheidungen bezüglich der Präsidentschaftswahlen von 2009 und der darauf folgenden blutigen Ereignisse veröffentlicht und von offiziellen Medien dementiert worden waren, gab es in den letzten zwei Wochen Bestätigungen dieser Ereignisse durch mehrere offizielle Quellen. Die Revolutionsgarden (IRGC) hatten zuvor erklärt, Differenzen und Gräben zwischen dem obersten Führer und führenden Geistlichen stellten eine der größten Bedrohungen für das Überleben der Islamischen Republik dar.

Der Geistliche Abdol- Hossein Khosropanah, von Ayatollah Khamenei zum Leiter des landesweit an Universitäten laufenden Projekts Vali Faghih ernannt, sprach letzte Woche auf einem Seminar mit dem Titel „Die Zukunft der Islamischen Republik – Betrachtung der politischen Fragen des Landes“ („Ayande Engelab Islami va Tahlil Masael Siasi Keshvar“). Khosropanah, der derzeit auch am Institut für Islamische Kultur und Islamisches Denken („Pajooheshgahe Farhang va Andishe Islami“) tätig ist, bestätigte die „nachdrücklichen Proteste“einiger führender Geistlicher gegen Khamenei im Zusammenhang mit den Ereignissen des letzten Jahres. „Hätte der Führer zugelassen, dass die Wahl annulliert wird, wäre das Regime definitiv zusammengebrochen.“

Khosropanah machte diese Äußerungen am Imam-Khomeini-Institut, das von dem extremistischen Geistlichen Mohammad Taghi Mesbah Yazdi geleitet wird.  „Als diese Dinge (die Massenproteste gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl von 2009) passierten, wurde der Führer darüber in Kenntnis gesetzt, dass mehrere einflussreiche Geistliche Vorbehalte zu einigen Fragen hätten und ihn treffen wollten. Herr Khamenei erklärte sich mit einem Treffen einverstanden. 2 Stunden und 45 Minuten lang äußerten sich die Geistlichen – einige von ihnen beleidigend – während der Führer ihnen ruhig zuhörte. Danach sprach er und legte seine Argumentation dar. Viele akzeptierten sie“, so Khosropanah.

Erst letzte Woche hatte der Vorsitzende des Wächterrats Ayatollah Ahmad Jannati bei der Freitagspredigt kategorisch ausgeschlossen, dass es Differenzen zwischen führenden Geistlichen und Ayatollah Khamenei gibt.

Khosropanah: „Viele sagen, dass der Führer seine Position eingebüßt hat und dass das Volk kein Interesse mehr am Regime hat, dass selbst theologische Zentren nicht mehr so viel Interesse für das Regime und den Führer an den Tag legen wie früher. Es wurde gesagt, dass führende Geistliche Differenzen mit dem Führer haben und nicht optimistisch sind. Sie sagten solche Dinge und glaubten sie. Diese Äußerungen bewirkten bei einigen eine Desillusionierung, und Ausländer machten sich diese Äußerungen zunutze. Doch die jüngste Reise (Ayatollah Khameneis nach Qom) hat all diese Zweifel zerstreut.“

Khosrophanah ging in seinem Vortrag auch darauf ein, dass die religiösen Referenzen Ayatollah Khameneis von Einigen in Zweifel gezogen werden. Er verteidigte den Führer mit den Worten, dieser sei ein Mujtahid und habe seine fortgeschrittenen religiösen Studien vor der Revolution von 1979 abgeschlossen. Zudem habe Ayatollah Khomeini selbst bei zwei Anlässen Khameneis Qualifikation bestätigt.

Khosropanah, der früher regelmäßig für die Zeitungen Sobh und Kayhan schrieb, ging sogar noch weiter, indem er andeutete, Khamenei sei Ayatollah Khomeini sogar überlegen. Er stützte dieses Argument auf das Zitat eines nicht namentlich genannten Geistlichen.

Diese Äußerungen stehen im Widerspruch zu den Ansichten des [verstorbenen] führenden Ayatollah Montazeri. Dieser schreibt in seinen Memoiren, Ayatollah Khamenei verdanke seinen Aufstieg zum Führers und zur Quelle der Emulation dem Druck der Sicherheitskräfte und der Revolutionsgarden auf andere führende Geistliche. Montazeri schreibt, er und auch andere seien nicht für die Beförderung Khameneis in höhere religiöse und politische Positionen gewesen, hätten jedoch nichts dagegen tun können, außer bei den Zusammenkünften, in denen diese Diskussionen stattfanden, den Raum zu verlassen.

Ayatollah Montazeri hatte bei einer Rede am 14. November 1997 zudem ein Gespräch zwischen ihm und Ayatollah Momen wiedergegeben, in dem es um die Grundlage für die Erhöhung des Status von Ayatollah Khamenei ging. Ayatollah Momen habe mehr oder weniger gesagt, man habe dem Schritt zugestimmt, weil dies Khomeinis Wunsch war, nicht aber wegen Khameneis Referenzen.

Als sich Khamenei Anfang des Monats in Qom aufhielt, hielt Khosropanah in seiner Gegenwart eine Rede, in der er sich für fundamentale Veränderungen an den theologischen Seminaren aussprach. In seiner Rede im Rahmen des Seminars vergangene Woche kam er auch auf den kühlen Empfang Ayatollah Khameneis in Qom zu sprechen. Er sagte, zwar sei Ayatollah Vahid Khorasani nicht nach Qom gekommen, um den Führer zu treffen, habe jedoch seinen Sohn geschickt. Ayatollah Khorasani sei der Meinung, dass die Sunniten zu viel Einfluss im Land gewinnen und habe aus Gründen des Protokolls und des Respekts nicht mit Khamenei darüber sprechen wollen. „Es stimmt nicht, dass Ayatollah Khorasani gegen das Regime ist. Im Gegenteil – er sagt, es ist eine Pflicht, das Regime zu unterstützen“, so Khosropanah.

Khosropanah zufolge steht Ayatollah Khorasani dem Prinzip der Velayat-e Faghih (Herrschaft der Geistlichkeit)  ähnlich gegenüber wie der führende Ayatollah Khoi. Es ist allerdings allgemein bekannt, dass Ayatollah Khoi sehr deutlich gesagt hat, dass dieses Prinzip der religiösen Tradition und des religiösen Gesetzes entbehrt.

Khosropanah – Stellvertreter des obersten Führers an den Universitäten Irans – verteidigte zudem Khameneis Sohn Mojtaba, der in den Medien wegen Verbindungen zu den Revolutionsgarden und den paramilitärischen Basij-Milizen sowie wegen seiner Einmischung in die politischen Entwicklungen während und nach der Präsidentschaftswahl von 2009 in die Kritik geraten war. Ayatollah Karoubi hatte öffentlich darüber gesprochen, dass es Berichte über eine politische Aktivität Mojtaba Khameneis zu Gunsten seines Vaters und Mahmoud Ahmadinejads gegeben habe.

Als die Präsidentschaftskandidaten der letzten Wahl gegen die bekanntgegebenen Wahlergebnisse protestierten, habe Ayatollah Khamenei ihre Vertreter zu sich gebeten, um ihre Beanstandungen anzuhören, so Khosropanah weiter. Die Vertreter hätten erklärt, er – Khamenei – habe sich auf die Seite eines bestimmten Kandidaten gestellt. Khamenei habe dies zurückgewiesen und seine Äußerungen verteidigt, die als Unterstützung für einen Kandidaten gedeutet worden waren. Tatsächlich habe er dabei die Kriterien für den richtigen Präsidenten verkündet. Khosropanah zufolge sei Ayatollah Khamenei schon vor den Sicherheitskräften zu dem Schluss gekommen, dass in Iran eine Samtene Revolution im Gange sei. Khosropanah bezieht sich dabei auf eine Rede, die Ayatollah Khamenei vor der Wahl von 2009 während einer Reise nach Kurdistan gehalten hatte und in der er zu öffentlicher Unterstützung für den jetzigen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad aufgerufen hatte, der für eine Wiederwahl kandidierte.

Bahram Rafiee

Veröffentlicht bei Rooz Online am 25. November 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news3/newsitem/archive/2010/november/25/article/if-elections-were-annulled-the-regime-would-have-collapsed.html

2 Antworten zu “Unveröffentlichter Bericht über Khameneis Qom-Reise: Annullierung der Wahlen wäre das Ende des Regimes gewesen

  1. Danke für die umfangreichen Infos! Das muss ich mir in einer ruhigen Minute nochmal zu Gemüte führen.

  2. Pingback: News vom 26. November « Arshama3's Blog

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