2 Jahre nach dem Überfall auf Studentenwohneim: Bisher wurden nur die Studenten verfolgt

Daneshjoo News, 17. Juni 2011 – Es ist jetzt zwei Jahre her, dass die Teheran-Universität in den Tagen nach der von Wahlvorwürfen überschatteten Präsidentschaftswahl von 2009 einem nächtlichen Angriff zum Opfer fiel. Bis heute haben die Behörden keinen Bericht darüber vorgelegt, wer die Angreifer waren und auf wessen Anordnung die Angriffe stattfanden. Für die Übergriffe, in deren Folge Studenten ums Leben kamen, verletzt und verhaftet wurden, ist bislang niemand zur Rechenschaft gezogen worden.

Es folgt ein Auszug aus einem bei der studentischen Webseite Daneshjoo News erschienenen Artikel über den Angriff und die Tage danach.

„In den Tagen nach der Wahl herrschten Schock und Empörung über die manipulierten Wahlergebnisse. Es kam zu Straßenprotesten, aber auch zu Protestaktionen in den Wohnheimen der Teheran-Universität. Am 14. Juni 2009 gegen 23 Uhr wurde die Teheran-Universität von Polizei, Sicherheitskräften und Kräften in Zivil umstellt. Sie versuchten mehrfach, auf das Gelände der Uni vorzudringen, scheiterten aber am Widerstand seitens der Studenten.

Schließlich gelang es den Sicherheitskräften mit Hilfe des Einsatzes von Schallgranaten, Tränengas und Schüssen in die Luft, sich zutritt zum Campus zu verschaffen. Die Kräfte in Zivil und die Schläger von Ansar-e Hezbollah gingen mit Messern, Schusswaffen, Tränengas, Ketten, Schlagstöcken und Keulen brutal gegen die Studenten vor. Viele Studenten wurden verletzt. Nach Aussage von Studenten und Augenzeugen wurden 3 bis 5 Studenten getötet, etwa 100 Studenten wurden verhaftet.

Bei den Getöteten soll es sich laut studentischen Nachrichtenquellen um Mobina Ehterami, Fatemeh Barati, Kasra Sharafi, Kambiz Shojaei und Mohsen Imani handeln. Zeugen haben angegeben, dass diese Studenten infolge mehrfacher Schläge mit elektrischen Schlagstöcken gegen den Kopf starben.

Studentischen Quellen zufolge wurden die getöteten Studenten am folgenden Tag ohne Wissen ihrer Familien auf dem Teheraner Friedhof Behesht Zahra begraben. Den Familien wurde verboten, für ihre Kinder Gedenkfeiern abzuhalten oder über ihren Tod zu sprechen.

In den frühen Morgenstunden des 15. Juni wurden die verhafteten Studenten von Zivilagenten in das Untergeschoss des Innenministeriums gebracht. Die Agenten seien mit Schusswaffen und Messern bewaffnet gewesen. Viele dieser Studenten hatten bei dem Angriff Verletzungen erlitten.

Augenzeugenberichten zufolge wurden die Studenten auf dem Weg ins Innenministerium geschlagen. Im Keller des Ministeriums wurden sie dann weiter brutal geschlagen und gefoltert. Sie seien brutal und erniedrigend behandelt worden.

Ihnen seien Metallboxen auf den Kopf gelegt worden, dann seien ihnen auf diese Metallboxen Schläge versetzt worden. Einer der Studenten hatte bereits ernste Kopfverletzungen und einen Schädelbruch. Nach 12 Stunden ohne Essen und Wasser kam ein Mann mit einem kleinen Krug voller Wasser, goss den Inhalt auf den Boden und sagte den Studenten, sie könnten das Wasser jetzt trinken. Nachdem einige Studenten gegen diese Methode protestiert hatten, kam ein zweiter Mann mit einem Wasserschlauch und sagte, sie könnten aus dem Wasserschlauch trinken. Das Wasser war heiß.

Die Studenten bekamen ihr Essen – Spaghetti – in die Hände gelegt, und ihnen wurde gesagt, dass sie bestraft werden würden, wenn etwas auf den Boden fallen sollte. In einigen Fällen fiel tatsächlich etwas zu Boden, und die Studenten wurden geschlagen.

Zum Frühstück erhielten die Studenten auf dieselbe Weise getrocknetes Brot und Käse. Wenn etwas auf den Boden fiel, bekam der betreffende Student Schläge. Es war schwierig, zu vermeiden, dass sich von dem trockenen Brot Krümel lösten und auf den Boden fielen. Dies passierte, und die Studenten bekamen Schläge.

Sofort nachdem bekannt wurde, dass bei dem Angriff Studenten ums Leben gekommen waren, dementierten die Behörden dies. Die studentische Alumni-Organisation Advar-e Tahkim-e Vahdat gab am 13. Juni ein Statement heraus, in dem sie erklärte, dass bei den Angriffen auf Universitäten in Teheran und Shiraz 7 Studenten getötet worden seien. Es habe auch auf die Wohnheime der Universität Shiraz und der Technischen Universität Isfahan Angriffe von Zivilagenten, Basijis und Kräften der Ansar-e Hisbollah gegeben, dabei seien in Shiraz 2 Studenten ums Leben gekommen.

Nach der Gewalt an der Universität Shiraz trat Mohammad Hadi Sadeghi, der Kanzler der Universität, ohne Angabe von Gründen zurück.

Es ist für Militär und Polizei gesetzlich verboten, Universitätsgelände zu betreten, es sei denn, sie werden vom Kanzler einer Universität darum gebeten.

Damals erklärte der Parlamentsabgeordnete Mohsen Koukan, die Kräfte seien auf Bitte des Kanzlers der Teheran-Universität Farhad Rahbar auf den Campus gekommen. Rahbar dementierte dies und erklärte, in der Nacht des Angriffs sei kein offizieller Vertreter der Universität auf dem Campus gewesen.

3 Wochen nach dem Angriff sagte IRGC-Befehlshaber Mohammad Ali Jafari in einem Interview, es sei eine Arbeitsgruppe eingerichtet für die Untersuchung des Falls eingerichtet worden. Die Schuldigen würden bis Ende des Folgemonats vor Gericht gestellt.

Im März 2010 sendete BBC Persian Videomaterial, das angeblich von einem der Angreifer in Zivil aufgenommen wurde. Die Aufnahmen beginnen um 1:30 Uhr, unmittelbar vor Beginn des Angriffs. Es zeigt Zusammenstöße zwischen Studenten und Angreifern zu beiden Seiten des Eisenzaunes. Man sieht, wie Tränengas hineingeworfen wird und wie Studenten die Angreifer vom Dach aus mit Steinen bewerfen und umgekehrt.

Um 2:00 Uhr dringen die Zivilagenten mit Hilfe der Sondereinheiten auf den Campus vor. Man hört, wie die Zivilagenten die Garden  [die Sondereinheiten?] bitten, die Studenten nicht zu schlagen, und man sieht verletzte Studenten auf dem Boden liegen. Das Gesicht eines der Studenten ist blutüberströmt.

Sechs Tage nach Erscheinen des Videos in mehreren Medien erklärten die Abgeordneten Alaedin Broujerdi und Kazem Jalali von der parlamentarischen Kommission für Nationale Sicherheit und Außenpolitik, sie hätten das Material nicht gesehen, doch die im Video festgehaltenen Vorgänge müssten untersucht werden. Boroujerdi erklärte später, das Video könne möglicherweise gefälscht und manipuliert sein.

Vier Monate später erklärte der Befehlshaber der iranischen Polizei, Esmaeil Ahmadi Moghadam, die Szenen in dem Video für authentisch, sagte jedoch, es seien nachträglich Stimmen aufgesprochen worden, um die Polizei in ein schlechtes Licht zu rücken und die Zivilkräfte positiv darzustellen.

Heute, zwei Jahre nach dem traumatischen und schrecklichen Überfall auf die Studenten, ist noch immer nicht klar, wer einen solchen brutalen Angriff auf die Kinder des Landes angeordnet hat. Keiner der Verantwortlichen für diese schreckliche Tat wurde strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, während 100 Studenten vor die Disziplinarausschüsse der Universitäten zitiert und mit Disziplinarstrafen belegt wurden. Unschuldige Studenten wurden vor Militärgerichte gestellt und zu Haftstrafen, Geldstrafen und Auspeitschung verurteilt.

Dieser furchtbare Vorfall ist, wie auch die vielen anderen von der Islamischen Republik begangenen Gräuel, der Zeit zum Opfer gefallen. Die Geschichte wird ein Urteil darüber fällen und die dunklen Geheimnisse [der Islamischen Republik] ans Licht bringen.“

Übersetzung aus dem Englischen
Quelle (Englisch) und Übersetzung aus dem Persischen: Persian Banoo
Artikel auf Persisch: Daneshjoo News

BBC-Version des Videos: http://www.youtube.com/watch?v=syz-UxeUqek
Mehr Videomaterial des Überfalls: http://www.youtube.com/watch?v=Dz8zCNWDh9E
Bilder aus dem zerstörten Wohnheim nach dem Überfall: http://www.youtube.com/watch?v=FzTWU6laXtU
(Warnung: alle Videos enthalten verstörende Bilder)

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