Ermordung Ali Mohammadis: Unausgesprochene Tatsachen

Veröffentlicht auf Rooz Online am 19. Januar 2010
Quelle (Englisch): http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2010/january/19//untold-facts-in-ali-mohammadis-assassination.html
Deutsche Übersetzung: Julia

Iran und Israel: Kampf der Geheimdienste
von Hamid Ahadi

Fünf Tage nach dem Attentat auf einen prominenten iranischen Physiker in Teheran nehmen Analysen von offiziellen Experten an, dass sehr wahrscheinlich der israelische Geheimdienst hinter dem Ereignis steckt. Die offizielle Zeitung der Revolutionsgarden (IRGC), Javan, hat neue Informationen über eine gemeinsame Ermittlungsuntersuchung Irans, Israels und Jordaniens veröffentlicht. Javan schreibt: „Es stimmt zwar, dass Dr. Ali Mohammadi nicht für die iranische Atomenergiebehörde arbeitete, doch das nationale Beschleuniger-Projekt, an dem er arbeitete, könnte einen bedeutenden wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und als Grundlage und Basis für einen Sprung in der Nukleartechnologie gegolten haben.“

Die IRGC-Zeitung schreibt weiter: „Der 60jährige Dr. Massoud Ali Mohammadi war nicht nur Professor an der Teheran-Universität, sondern auch Irans Repräsentant im regionalen Synchrotron-Projekt, auch bekannt unter dem Namen „Sesam“, das im Mittleren Osten angesiedelt ist und dessen Zentrale sich in Jordanien befindet. Wegen seiner Bedeutung ist „Sesam“ das einzige Projekt, an dem sich Iran zusammen mit dem zionistischen Regime und anderen Ländern wie Jordanien und der Türkei beteiligt. Der „Sesam“-Beschleuniger war ein Geschenk Deutschlands an den Mittleren Osten. Iran wollte Standort für die Zentrale des Projekts werden, aber „Israels Obstruktionspolitik und Irans eingeschränkte Möglichkeiten auf diesem Gebiet haben das verhindert.“

Allgemein wird angenommen, dass jedes Land, dass im Besitz der im „Sesam“-Projekt entwickelten Beschleuniger-Technologie ist, in der Lage sein wird, auf dem Gebiet der Physik rasante Fortschritte zu erzielen. Das heißt, die Technologie wird es ermöglichen, ohne Nutzung von üblichen (?) Verfahren [„route procedures“] die nukleare Entwicklung voranzutreiben.

Javan zitiert Javad Rahighi, der mit Ali Mohammadi zusammen arbeitete: „Der Beschleuniger bietet viele Möglichkeiten der Materialanalyse und kann in Bereichen wie Nuklearphysik, Medizin, Metallurgie und der Ausbildung von Kernphysikern hilfreich sein.“

Auch ausländische Quellen haben darüber geschrieben, dass Israel auf die iranische Beteiligung am „Sesam“-Projekt in den letzten Jahren sensibel reagierte. Israel hat sogar Vorschläge unterbreitet, Iran aus diesem internationalen Projekt auszuschließen, stieß damit jedoch bei Ali Mohammadi auf Widerstand. Könnte dieser Umstand allein schon Grund zu der Annahme geben, dass Israel möglicherweise hinter dem Attentat steckt?

Ein weiteres Argument, das vorgebracht wurde, bezieht sich auf Äußerungen von Sicherheitsexperten, denenzufolge Einzelheiten des Attentats vom letzten Donnerstag mit denen der Ermordung von Emad Moghnieh übereinstimmten. Emad Moghnieh, ein Palästinenserführer, war vor zwei Jahren von israelischen Agenten ermordet worden. In beiden Fällen wurde eine Bombe benutzt, deren Sprengsatz in einem 60°-Winkel explodierte. Experten sagen, dass diese Bombe allein ausgereicht hätte, um 100 Menschen zu töten, durch die zielgerichtete Kanalisierung der Explosionskraft wurde jedoch nur eine Person getroffen und getötet.

Javan zufolge haben politische Quellen in Teheran bestätigt, dass das von der iranischen Atomenergiebhörde herausgegebene Statement, in dem erklärt wurde, dass Ali Mohammadi kein Nuklearforscher war, in vieler Hinsicht korrekt ist. Allerdings können die Ergebnisse der Arbeit, die er mit seinen Kollegen am Beschleuniger-Projekt durchführte, zu einem bedeutenden Fortschritt in der Entwicklung von Nukleartechnologie in Iran beitragen.

Javad Rahighi sagte: „Beschleuniger-Technologie gehört zu den sensiblen Technologien, die nur entwickelte Länder wie England, Frankreich und die USA besitzen.“

Zwar ist noch nicht viel über das „Sesam“-Beschleuniger-Projekt veröffentlicht worden, aber wie es heißt, sind Iran in den letzten Monaten dank Ali Mohammadis Arbeit große Schritte in der Entwicklung eines nationalen Beschleunigers gelungen. Ein Bericht beschreibt, dass Iran Ende 2009 den ersten Niedrig-Energie-Beschleuniger entwickelt hat.

Javan sprach auch mit einem anderen Mitglied des iranischen Teams im Projekt in Jordanien, Arash Kaftoosian. Kaftoosian wird mit den Worten zitiert: „Iran war aus zwei Gründen an diesem Projekt interessiert: Um Spezialisten in der Technologie und Wissenschaft von Beschleunigern mit der gegenwärtigen Technologie auszubilden, und um das Synchrotron-Licht nach Abschluss des Projektes zu nutzen. Der Know-how-Transfer nach Iran sollte dazu beitragen, den Traum von der Entwicklung eines nationalen Beschleunigers in Iran zu erfüllen, etwas, was die Atomenergiebehörde und das IPM-Institut verfolgten.“

Vor wenigen Tagen hatte die Washington Post den Repräsentanten Israels mit den Worten zitiert, er habe in direktem Kontakt mit Ali Mohammadi gestanden. Javad Rahimi hingegen bestritt, dass es im „Sesam“-Projekt Kontakte mit Israel gegeben habe. Auch Rahighi wurde in der Washington Post zitiert: „Sie (die Israelis) waren beide in demselben Raum, aber wir hatten nie eine gemeinsame Sitzung.“

Die Zeitung nimmt an, dass Tel Aviv mit den israelischen Behauptungen über Kontakte zwischen Ali Mohammadi und Israel anzudeuten versucht, dass die Islamische Republik Iran wegen der Kontakte des Wissenschaftlers mit Israel das Attentat verübt hat.

Experten sind der Meinung, dass dasselbe auf Iran und die IRGC-Veröffentlichung zutrifft. Die Enthüllungen darin könnten Iran eine Grundlage dafür liefern, Israel für das Attentat verantwortlich zu machen.

Dieselben Experten glauben, wenn wirklich eine Gruppe wie die Mujaheddin-e Khalgh ihre Hand bei dem Attentat auf den Wissenschaftler im Spiel hatte, werde die iranische Regierung dies nicht öffentlich machen können, denn es würde beweisen, dass es um die innere Sicherheit in Iran schlecht bestellt ist und dass diese bewaffnete Oppositionsgruppe noch immer eine ernste Bedrohung darstellt, entgegen der Behauptungen der Islamischen Republik, dass diese bewaffnete Oppositionsgruppe ihr Kapital verspielt habe.

Javan weist auf einen weiteren Grund hin, warum Israel in das Attentat verwickelt sein könnte. Wie Javan schreibt, glauben politische Quellen in Teheran, dass der Einfluss des israelischen Geheimdienstes in Jordanien es Tel Aviv ermöglicht habe, von Ali Mohammadis wichtiger und sensibler Rolle und Arbeit zu erfahren und so ein Mordkomplott gegen ihn aufzuziehen.

Andererseits gab es für Israel keinen anderen Weg, um Irans Teilnahme an dem Projekt zu stoppen, das die nationalen Bemühungen um den Beschleuniger unterstützt hätte. IRGC-Quellen behaupten, da die Regierung Obama Israel nicht erlaubt habe, Irans Nuklearanlagen anzugreifen, und Israelische Strategen andererseits in den letzten Wochen mitgeteilt hatten, sie seien zu dem Schluss gelangt, es sei nicht möglich, Irans Nuklearanlagen durch Sabotageteams zerstören zu lassen, sei die Ermordung iranischer Nuklearwissenschaftler als einziger Weg zur Erreichung einer Schädigung bzw. Einstellung des iranischen Nuklearprogramms geblieben.

Aus diesen Gründen könnten das Verschwinden eines iranischen Wissenschaftlers während einer Hajj-Zeremonie in Saudi Arabien, das zu Irritationen in den Iranisch-Saudischen Beziehungen geführt hatte, und der Fall des Kommandanten Asghari, der angeblich nach Westen übergelaufen ist, von dem Iran aber behauptet, dass er von CIA- und Mossad-Agenten entführt wurde, Puzzleteile von einem und demselben Projekt sein

Trotz alledem bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung in Iran die iranische Regierung der Schuldige an diesem Attentat, besonders deshalb, weil die iranischen Sicherheitsbehörden danach sehr sensibel wurden und nicht nur die Familienangehörigen und Kollegen des Opfers kontrollierten, sondern auch versuchten, Ali Mohammadi als regimetreu darzustellen – etwas, was in Iran nur schwer glaubhaft zu machen ist.

Vor zwei Tagen schlug die Zeitung Keyhan vor, den früheren Parlamentarier Ahmad Shirzad, der ein ehemaliger Klassenkamerad von Ali Mohammadi und ein Freund der Familie war und der die Mängel der Sicherheitsmaßnahmen beim Begräbnis von Ali Mohammadi enthüllt hatte, zu verhaften. Wenn es wirklich dazu kommen sollte, wird klar sein, dass die iranische Regierung an dem Attentat auf Dr. Ali Mohammadi beteiligt war.

3 Antworten zu “Ermordung Ali Mohammadis: Unausgesprochene Tatsachen

  1. Pingback: Teheraner Bombenanschlag soll Nuklearwissenschaftler getroffen haben | Julias Blog

  2. Pingback: Todesurteil im Fall des ermordeten iranischen Physikers Masoud Ali Mohammadi | Julias Blog

  3. Eine hochinteressante Analyse ! Danke !

    Publicola

    Dazu eine [längere] Nebenbemerkung meinerseits:

    WAS KÖNNTE EINEN TERRORISTISCHEN ANSCHLAG AUS DER TIEFE DES STAATES ERMÖGLICHEN ?

    EIN HYPOTHETISCHER VERSUCH EINER ANTWORT

    Man hat den Eindruck, dass die gegenwärtig regierende Politik in Iran, wenn man von der zu vermissenden Trennung von Religion und Staat, von konkreten Politikern und Institutionen absieht, wie ein Cocktailmix folgender Charakteristika wirkt (die Liste der folgenden Punkte ist unvollständig, unzureichend und unsystematisch, ein skizzenhaftes „brainstorming“):

    • suggestive, intim-intransparente Kommunikation an der Spitze staatlicher Institutionen und staatlicher Organe
    • kaum zu durchschauende und nachzuvollziehende, nur unzureichend belegbare Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeitsstrukturen
    • das (gespenstische) Funktionieren der jeweiligen Entourage und das (gespenstische) Funktionieren des Herrschaftsstils von hochrangigen Politikern und Klerikern bzw. von Politikern bzw. Klerikern, die als hochrangig vermutet werden
    • terroristischer Realitätsverlust, erklärbar aus der häufigen Anwendung von Taktiken des Terrors
    • Preisgabe humaner Vernunft zugunsten von vorauseilenden initiativ-offensiven Identifikationen mit dem vermuteten Willen der jeweilig führenden Figuren
    • mehrfache Parallelität von bewaffneten regulären und irregulären Exekutivorganen mit parallelen polizeilichen und ideologischen Funktionen mit unterschiedlichsten Strukturen der Verantwortlichkeit
    • bei eine derartigen Gemengelage
    der Verantwortlichkeiten,
    der Parallelorganisationen,
    der Intensivst-Gefühle, im Auftrag einer jeweils diversest interpretierten (ideologischen/religiösen etc.) Mission tätig werden zu müssen
    ist – für Involvierte und Beobachter – der „Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“ sichtbar;
    so kann dann das resultierende Eigenleben
    sich beauftragt fühlender untergeordneter Teilsektionen staatlicher Institutionen und
    kleinerer paramilitärischer/parapolizeilicher Abteilungen
    zur Aktionsbereitschaft bis hin zu Morden – ohne einen materiell-schriftlich vorliegenden Befehl einer verantwortlichen Stelle – (ver)führen:
    • Diese Elemente eines eher chaotischen Durcheinander eines Systems der organisierten Verantwortungslosigkeit und des offensiv-vorauseilenden Gehorsams, das allein dadurch schon eine Brutstätte terroristischer (staatlich induzierter ?) Attentate bzw. Morde ist, ohne dass es dazu einer ausgesprochenen Planung oder eines ausgesprochenen Befehls (von höherer oder höchster staatlicher Seite) bedarf

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